Wie Integration gelingt

Ein Ausbilder, dem die Flüchtlinge vertrauen

Mindelheim. Persisch, Arabisch und Bayrisch, warum nicht? „Die Mischung verträgt sich gut bei uns“, sagt Werner Drexel. Der 54-Jährige ist Ausbildungsleiter der Grob-Werke in Mindelheim, einem Hersteller von Werkzeugmaschinen und Fertigungsanlagen für die Automobil- und Zuliefer-Industrie. Seit Herbst stehen dort im Ausbildungszentrum auch Asylsuchende aus Pakistan und Afghanistan an der Werkbank. Je eine Lehrstelle für Industriemechanik und Elektronik hat die bayrische Firma mit Flüchtlingen besetzt. Ein dritter startete dort in ein Vorbereitungsjahr.

Aus der Teppichfabrik in die Lehrwerkstatt

„Natürlich ist es etwas mehr Aufwand“, fasst Drexel die Erfahrungen bei der Integration zusammen. Drexel bildet einen der Flüchtlinge, Ismael Sadegi, zum Industriemechaniker aus. Der 24-Jährige stammt ursprünglich aus Pakistan, ist im Iran aufgewachsen und musste sich dort bereits mit elf Jahren nachmittags nach der Schule in einer Teppichfabrik verdingen.

Vor drei Jahren floh er nach Deutschland. Nach ein paar Monaten bekam er einen Praktikumsplatz bei Grob. „Ismael lieferte extrem gute Arbeit ab“, sagt Drexel, „deshalb haben wir ihm einen Ausbildungsvertrag angeboten.“ Dazu kam ein Deutschkurs, auch eine ruhige Unterkunft zum Lernen wurde gesucht. Und es gab Hilfe beim Schriftverkehr mit Ämtern und Lehrern an der Berufsschule sowie Unterstützung, wenn mal ein Dokument fehlte. Für Drexel heißt das zusätzlichen Aufwand. „Doch wir sind hier schon ziemlich weit.“ Er ist einer, der Dinge anpackt und unbürokratische Lösungen findet.

Gute Tipps holte sich Drexel zuletzt beim Workshop „IdA Ausbilderqualifikation“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Mit dem eintägigen Kurs unterstützt die vbw Ausbilder und Lernbegleiter ihrer Mitgliedsunternehmen bei der Integration von Flüchtlingen im Betrieb. „Man erfährt etwa, an welche Stellen man sich wenden kann, wenn es um rechtliche Fragen und Förderung geht“, so Drexel. Bayernweit gibt es in diesem Jahr 48 Workshops. Sie sind Teil der Initiative „Integration durch Ausbildung und Arbeit“ (IdA), die die vbw mit der Staatsregierung und der Regionaldirektion Bayern aufgelegt hat.

Verständnis für andere Kulturen wecken, damit das Miteinander am Arbeitsplatz klappt: Auch darum geht es in dem Kurs, den Drexel besucht hat. Der Ausbildungsleiter hat dafür ein einfaches Rezept: „Offen sein und zuhören, wenn jemand Fragen hat.“

So bekamen die Neuen bei Grob schnell Kontakt. Die Azubi-Kollegen helfen nicht nur an der Maschine, sie setzen sich auch zur Brotzeit alle zusammen an einen Tisch. „Ein gutes Zeichen“, findet Drexel. Insgesamt zehn Ausbildungsplätze für Flüchtlinge will das Unternehmen auf Initiative des kürzlich im Alter von 90 Jahren verstorbenen Inhabers Burkhart Grob anbieten. Wichtig: Diese Stellen kommen obendrauf. Sie werden nicht von den 75 Lehrstellen abgezwackt, die das Unternehmen in jedem Jahr besetzt.

Vor allem in Bezug auf die Sprache brauchen die Flüchtlinge noch Unterstützung. Für Ismael stiftete die Firma ein dickes Spezialwörterbuch. Darin schlägt er nach, wenn er ein Wort in der Werkstatt oder Berufsschule nicht versteht. Zudem sponsert das Unternehmen zusätzlichen Deutschunterricht. „Von jemandem, der die Sprache noch nicht so gut beherrscht, kann man nicht erwarten, dass er die Betriebsanleitung einer CNC-Maschine auf Anhieb versteht“, so Drexel. Er löst das so: Geht es um schwierige Arbeitsschritte, erklärt er sie selbst oder stellt den Flüchtlingen einen deutschsprachigen Azubi an die Seite.

Engagierte Bürger geben Nachhilfeunterricht

Drexel, selbst Vater zweier Teenager, hat einen guten Blick dafür, ob ein Kandidat für einen Metall- und Elektroberuf geeignet ist. Er ist überzeugt: „Nur aus Mitleid einen Jugendlichen aufzunehmen, das bringt nichts.“ Eine sorgfältige Prüfung gehört für ihn daher zum Auswahlverfahren der Azubis – auch der deutschsprachigen. Manchen Flüchtling hat Drexel nach dem Praktikum auch wieder abweisen müssen: „Einige waren schlicht dem Azubi-Alter entwachsen oder hatten in ihrer Heimat etwas ganz anderes gelernt.“

„Selbst wenn man gute Kandidaten auswählt – man muss sich bewusst sein, dass man sie weiter unterstützen muss“, so Drexel. Doch er macht anderen Firmen Mut, es trotzdem zu probieren.

Trifft die Initiative der Firma wie im Fall von Grob noch dazu auf engagierte Bürger, ist es doppelt gut. In Mindelheim zum Beispiel geben zwei Pensionäre den bei Grob beschäftigten Flüchtlingen einmal pro Woche Nachhilfeunterricht.


Persönlich

Foto: Puchner
Foto: Puchner

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf, Herr Drexel?

Nach meiner Ausbildung bei Grob habe ich mich in Teilzeit zum Industriemeister und technischen Betriebswirt weitergebildet.

Was reizt Sie am meisten?

Die Arbeit mit immer wieder neuen, jungen Menschen, die in völlig anderen Lebensumfeldern aufwachsen als früher.

Worauf kommt es an?

Die Herausforderung ist, genau diese gravierenden Änderungen und die steigenden Anforderungen des Unternehmens unter einen Hut zu bekommen.

Gutachten: Rascher Einstieg in den Beruf

Zweijährige Berufe und mehr Praxis

München. Zugang zum Arbeitsmarkt oder der Start einer Berufsausbildung – das hilft Flüchtlingen bei der Integration. Der Aktionsrat Bildung, ein von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) initiiertes Expertengremium, zeigt in seinem aktuellen Gutachten „Integration durch Bildung. Migranten und Flüchtlinge in Deutschland“, wie Bildung für die Zugewanderten Chancen zur Teilhabe am wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben schaffen kann. Die zehn Forscher geben dazu konkrete Handlungsempfehlungen an alle Akteure im Bildungsbereich.

Die Hälfte aller Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, ist unter 25 Jahre alt, ein Viertel sogar unter 16. Die Ausbildung spielt daher in dem Masterplan zur Bildungsintegration, den die Wissenschaftler fordern, eine besondere Rolle.

Das Gremium regt eine Verlängerung der Berufsschulpflicht in allen Bundesländern bis zum 21. Lebensjahr an – nach dem Vorbild von Bayern. Unterstützt werden müssten zudem die Ausweitung zweijähriger Ausbildungsberufe sowie Teilqualifizierungen, in denen Berufe in einzelne, in sich geschlossene Module aufgegliedert werden.

Das Angebot an Ganztagsschulen sei ebenfalls wichtig, damit Zugewanderte die deutsche Sprache rasch erlernen und soziale Kontakte knüpfen könnten. Grundschulkinder sollten zudem frühestmöglich am regulären deutschsprachigen Schulunterricht teilnehmen, anstatt in separaten Flüchtlingsklassen unterrichtet zu werden.

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