Orgelbau

Die Werkstatt der Klang-Künstler


Der Bonner Traditionsbetrieb Klais hat einen klingenden Namen in aller Herren Länder.

Orgeln faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. Sie sind groß, beeindruckend und schön – und setzen so architektonische Zeichen. Wir besuchten die Traditionswerkstatt Klais in Bonn. Und sahen Menschen dabei zu, wie sie mit großer Leidenschaft und viel Liebe zum Detail solche Kunstwerke erschaffen.

Klingt schief, was Frank Refferath da zu bieten hat. Er setzt eine Orgelpfeife an den Mund, bläst hinein. Werkelt mit seinen Gummihandschuhen an dem glänzenden Teil herum, zieht den Öffnungsschlitz an der Seite ein bisschen größer. Bläst erneut. Korrigiert wieder.

Dann nimmt er die Pfeife, steckt sie zwischen Dutzende andere in eine Orgel, spielt – und lauscht gespannt. Haste Töne: Das runde Ding klingt plötzlich sauber. Exakt wie die Musterpfeife in der Reihe dahinter.

Der 33-Jährige arbeitet bei Klais in Bonn. Einem Familienunternehmen in der vierten Generation, mit 125-jähriger Tradition. Refferath tüftelt  an einer Orgel mit, die für eine Kirche im spanischen Loiu bei Bilbao bestimmt ist. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest soll sie dort erstmals erklingen.

7.000 Pfeifen, 30 Tonnen Gewicht

In Deutschland gibt es rund 150 Orgelbauer. Doch die Bonner Werkstatt ist etwas Besonderes. Sie zählt zur internationalen Créme de la Créme. Und hat einen klingenden Namen in aller Herren Länder.

Ob in Tokio oder Singapur, in Madison oder Caracas, in Athen oder St. Petersburg, in Brisbane oder Reykjavik: Orgeln aus der Beethovenstadt erfüllen mit ihrem Klang Kirchen auf der ganzen Welt. Und Konzertsäle.

Vor ein paar Wochen  wurde in Peking eine Klais-Orgel im nagelneuen chinesischen Na-tionaltheater am Platz des Himmlischen Friedens feierlich in Betrieb genommen. Sie ist mit fast 7.000 Pfeifen ausgestattet und wiegt sage und schreibe 30 Tonnen.  Betriebsleiter Magnus Windelen: „So eine gewaltige Orgel haben wir noch nie gebaut.“ 

Sie ist noch größer als die in Reykjavik, die der 60-Mann-Betrieb  vor 15 Jahren für die Hallgrimskirche ausgeliefert hat – ein kühner Betonbau, der mit seiner Spitze 73 Meter in den Himmel ragt.  Dessen Orgel hat fast 5.300 Pfeifen, wiegt 25 Tonnen und ist 15 Meter hoch.

Bis jetzt hat Klais weit mehr als 1.800 Orgeln gefertigt, dazu unzählige repariert und überarbeitet. Und heute wie einst entstehen die Instrumente – von den Pfeifen bis zum Gehäuse – vollständig in der Bonner Werkstatt.

Der Betrieb hat sogar eine kleine Gießerei: Ein Schmelz-ofen verflüssigt Zinn und Blei bei 220 Grad Hitze – und gießt die Legierung zu dünnen Zinnplatten: Rohstoff für die Orgelpfeifen.

Wer den altehrwürdigen  Backsteinbau aus der Gründerzeit betritt, sollte kräftig durchatmen. Hier riecht es ange-nehm  nach Holz. Stress, Hektik? Fehlanzeige! Orgelbau ist feinstes Handwerk. Kunst. Architektur.  Und dazu brauchen die Mitarbeiter Ruhe und Gelassenheit.

Wie zum Beispiel Hubert Lichtenthal. Der 64-Jährige baut einen Spieltisch zusammen. „Eine Augenweide“, schwärmt der Orgelbauer, als er die Tastatur einpasst. Lichtenthal hat bei Klais gelernt, ist schon seit 50 Jahren dabei. Ein typisches  „Urgestein“.

Der Spieltisch sei wie der Fahrersitz im Lkw: „Der Organist muss alles im Blick haben. Und  schön aussehen muss der Tisch  natürlich auch.“ Schließlich sei er für Konzert- und Kirchenbesucher gut zu sehen.

Eine Halle weiter und ein paar Stufen tiefer liegen Holzkisten, fast so groß wie Garagentore. Darin stecken, mit Schaumstoff und Folie fein säuberlich verpackt, Teile einer Orgel, die eine ganz weite Reise vor sich hat.

„Brandenburger Tor“ für Spanien

Die Kisten mit der kyrillischen Beschriftung warten auf den Abtransport Richtung Sibirien, rund 4.500 Kilometer entfernt. In Khanty-Mansiysk  soll das Instrument bald einen Konzertsaal schmücken. Jetzt herrschen in der Gegend Temperaturen bis zu 40 Grad minus. Trotzdem sei jetzt die beste Transportzeit, so Betriebsleiter Windelen: „Im Frühjahr taut der Boden auf.  Dann gibt es dort so gut wie kein Durchkommen mehr.

Richard Kühn fräst derweil schmale Öffnungen in ein dickes Brett aus Buche. „Da kommen später Stützen für Ventile rein“, erklärt der Schreiner. Die steuern den Luftstrom zu den Pfeifen – und damit den Ton. Je tiefer, desto größer muss die Menge an Wind sein, die vom Orgel-Gebläse erzeugt wird.

Hinter ihm geht ein Holzgehäuse  der Vollendung entgegen, das mit seinen schlanken Säulen glatt ans Brandenburger Tor erinnert. Es gehört zu der Orgel, die Klais nach Spanien liefert. Vorher wird das Instrument aber noch fein säuberlich zerlegt, denn eine ganze Orgel ist für den Transport zu sperrig.

Buchstäblich in den Sand gesetzt

Montageleiter Johannes Meinerzhagen erklärt anhand einer Zeichnung, wie die Orgel aussehen wird. Wenn der Sattelschlepper mit der wertvollen Fuhre im Süden ankommt, will sich Meinerzhagen mit seinen vier Männern ans Werk machen, um die einzelnen Teile bis zum Fest wieder zusammenzufügen.

Für den Junggesellen Meinerzhagen ist die Spanien-Tour fast nur ein kleiner Ausflug. Er ist anderes gewohnt. Denn er gehörte auch zum Aufbau-Team in Peking.

Der 30-Jährige schüttelt den Kopf, wenn er zurückblickt: „Alles war noch Baustelle, als wir vor anderthalb Jahren losgelegt haben.“ Die Klais-Leute mussten ihre Orgel buchstäblich in den Sand setzen – und täglich von Staub befreien.

Das ist aber schon wieder Geschichte. Jetzt wartet Meinerzhagen gespannt auf den nächsten Einsatz. 

Wilfried Hennes

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