Standpunkt

Die verdrehte soziale Frage


Die Empörung über „Niedriglohn-Jobs" hat Vorgeschichte

Am Ende des 18. Jahrhunderts hat sich erst in England, dann in ganz West- und Mitteleuropa die Welt verändert: Ertragszuwächse in der Landwirtschaft, Anstieg der Bevölkerungszahlen – und die „industrielle Revolution“ mit technischen Durchbrüchen und einer neuen Form von Unternehmertum. Fast zeitgleich begann unter dem Stichwort „soziale Frage“ eine Diskussion über die oft düsteren Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Die ergiebiger gemachte Landwirtschaft konnte die zusätzlichen Menschen zwar einigermaßen ernähren, sie aber nicht ergiebig in Arbeit bringen. Insofern hätte als soziale Frage angestanden: Wie kommen die zurecht, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben können?

Aber es gab ja die „Frühkapitalisten“, die das geschäftliche Potenzial der technischen Neuerungen erkannten, in Fabriken die Massenherstellung preiswerter Güter ermöglichten und zugleich die fehlenden Arbeitsplätze schufen. So lief die Debatte in eine falsche Richtung – mit Folgen bis heute.

Denn die damalige Kritik an der „Lage der arbeitenden Klassen“ (Traktat von Friedrich Engels, einem Vordenker des Sozialismus) stellte allein auf die schlechte Qualität der neuen Arbeitsplätze ab: 16-Stunden-Tag, Kinderarbeit und so weiter. Doch sie blendete rigoros das Grundproblem aus: Was wäre mit den Menschen geschehen, wenn ihnen keine Fabriktore offen gestanden hätten?

In die wurden sie nicht von Bösewichten getrieben. Sondern von der Not – an der niemand, auch kein „Kapitalist“, schuld war. Von Irland zogen die Leute in Scharen nach Birmingham und Manchester, weil es dort Fabriken gab. In denen sie ihren Lebensunterhalt, so kümmerlich er war, verdienen konnten. Ansonsten hätte ihnen erwerbsloses Massenelend geblüht. Ohne Hartz IV!

Nicht dass die Propagandisten der sozialen Frage in der Lage der arbeitenden Klassen ein Problem sahen, ist ihnen anzukreiden. Sondern dass sie das Alternativproblem von nicht arbeitenden Klassen unterschlugen – dessen zunächst notdürftige Lösung die Industrie war. Und ihr sozialistischer Ansatz, das private Unternehmertum zu zerschlagen, hätte schon damals die Fabriken (und Bauernhöfe) bloß zugrunde gerichtet.

Und heute? Nach dem gleichen Muster wird nun eine vergleichsweise luxuriöse soziale Frage verdreht. Wenn ein „Aufstocker“ Hartz IV mit einem bescheidenen Monatslohn kombiniert, dann ist sein Arbeitgeber nicht automatisch ein Bösewicht. Es ist ihm zu danken, dass jemand immerhin ansatzweise von seiner Hände Arbeit leben kann.

 

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