Konjunktur

Die Tarif-Vernunft zahlt sich aus


Die Krise trifft die Metall- und Elektro-Industrie mit voller Wucht.

So schnell kann sich das Blatt wenden: Im vorigen Sommer hatten die Mitarbeiter des Autozulieferers Erich Jaeger im hessischen Friedberg noch insgesamt 4.500 Überstunden angehäuft, doch jetzt sei das Arbeitszeit-Konto bei den meisten leer, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Gloe: „Einige un­serer Leute wa­ren gegen Ende des Jahres fast sechs Wochen lang  weg.“

Der Grund für den unverhofften Zwangsurlaub: Die Aufträge des Herstellers von Steckverbindungen, etwa für Anhängerkupplungen, sind regelrecht eingebrochen. „In den letzten drei Monaten waren die Bestellungen um 40 Prozent zurückgegangen“, so Gloe.

Tarifvertrag sorgt für Flexibilität

Die Folgen: Das Unternehmen drosselte die Produktion, trennte sich von seinen Zeit­ar­beitnehmern. Und: Seit Mitte Januar fährt der Hersteller, dessen Werke in Tschechien und China ebenfalls von der Krise betroffen sind, in Friedberg Kurzarbeit. Nur noch an drei von fünf Ar­beits­tagen kommen die

43 Beschäftigten aus Mon­tage, Lager und Arbeitsvorbereitung in die Fabrik.

Zudem nutzt das Unternehmen die Flexibilität, die der jüngste M+E-Tarifvertrag bietet: So hat die Geschäftsleitung mit dem Betriebsrat vereinbart, die zweite Stufe der Tariferhöhung von 2,1 Prozent, die normalerweise ab dem 1. Mai 2009 in  Kraft  tritt,  aufs  Jahresende zu verschieben. Das verschafft der Firma auf der Kostenseite etwas Luft. Und hilft, die Jobs über die Krise zu retten. Gloe: „Bisher mussten wir noch niemanden betriebsbedingt entlassen.“

 

Das Beispiel aus Hessen zeigt, dass der Schutz-Schirm, den die M+E-Industrie über die Jobs aufgezogen hat, seine Wirkung entfaltet. Mit Unterstützung der Politik: Inzwischen hat Deutschlands größter In­dustriezweig für rund 300.000 Beschäftigte Kurzarbeit beantragt.

So können die Betriebe ihre Belegschaften halten und Entlassungen vermeiden. Deshalb ist  die Zahl der Beschäftigten in der M+E-Industrie mit 3,64 Millionen nahezu stabil geblieben.

Da sich die wirtschaftliche Lage in den letzten Wochen aber zugespitzt hat, sehen sich viele Betriebe gezwungen, die zweite Stufe der Tabellenerhöhung zu verschieben. In Bayern beispielsweise beabsichtigt das gut ein Drittel der tarifgebundenen Firmen, ergab jetzt eine Umfrage der bayerischen M+E-Arbeitgeberverbände.

Selbst das Flaggschiff, der deutsche Maschinenbau, ist jetzt in schwieriges Fahrwasser geraten. So ist der Auftragseingang der Branche zuletzt (Stand November) um 30 Prozent gesunken.

Die Flaute der Anlagenbauer trifft die Balluff-Gruppe (weltweit 2180 Mitarbeiter) mit Sitz im schwäbischen Neuhausen auf den Fildern mit voller Wucht: Seit August 2008 liegen die Auftragseingänge des führenden Herstellers von Sensoren für die Fabrikautomation um 20 Prozent unter Plan. Eine Besserung ist vorerst nicht in Sicht. So rechnet die Firma für dieses Jahr mit einem Umsatzrückgang von 18 Prozent.

Konjunktur-Forscher machen Mut

In diesen schwierigen Zeiten ist es das Ziel der Unternehmensleitung, die Arbeitsplätze zu sichern und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, so der geschäftsführende Ge­sellschafter Rolf Hermle.

Trotzdem geht es nicht ohne Einschnitte: So hat das Unternehmen jetzt im Rahmen eines Beschäftigungssicherungsvertrages die wöchentliche Ar­beitszeit um fünf Wochenstunden verringert, wobei die Mitarbeiter auf einen Teil ihres Lohns verzichten müssen. Die Regelung soll bis zum März gelten – vorerst.

Noch überwiegen die Negativ-Nachrichten. Doch es gibt auch Grund, nicht ganz so pessimistisch in die nähere Zu­kunft zu schauen. Nach einer Befragung des Zentrums für Euro­päische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben sich die Konjunkturerwartungen der Börsen­experten im Januar überraschend  deutlich  gebessert.

„Die Finanzanalysten teilen den Optimismus neuerer Prog­nosen, dass sich ab Mitte des Jahres die Konjunkturperspektiven wieder aufzuhellen be­ginnen“, macht uns ZEW-Präsident Wolfgang Franz Mut.

Wilfried Hennes, Joachim Sigel

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