Arbeitswelt

Die stille Welt der Kollegen


Wie Fresenius gehörlose Menschen in die Berufswelt integriert

Schweinfurt. Carola Glas ist geschickt: Flink montiert sie ein kompliziertes Bauteil für ein Dialysegerät von Fresenius Medical Care in Schweinfurt. Jedes Kabel, jede Steckverbindung sitzt perfekt.

Bei der Arbeit verlässt sie sich auf den Verstand – und auf ihre vier Sinne, nur vier, denn auf den fünften, das Hören, muss sie verzichten.

Carola Glas ist taub. Um sich dennoch mit ihr unterhalten zu können, lernt ihre Kollegin Ute Johnson die Gebärdensprache im Firmenkurs.

„Der Gesichtsausdruck ist wichtig. Wenn Sie eine Frage haben, ziehen Sie immer die Augenbrauen hoch“, erklärt Gebärdensprache-Lehrer Oswald Friedrich. Das ist einfach. Ebenso wie „Daumen hoch“ für „alles okay“. Oder mit den Fäusten aufeinanderklopfen für „Arbeit“.

Manche Gesten brauchen jedoch eine Mundbewegung, um sie unterscheiden zu können. Die Wörter „gelb“ und „Klo“ etwa. Der Kurs findet einmal pro Woche nach der Arbeit statt: „Man muss dabei sehr aufpassen, manchmal bin ich dazu fast zu müde“, gesteht Ute Johnson.

Warum nimmt sie die Mühe auf sich? „Ich habe gemerkt, dass meine Kollegin eine interessante Frau ist und wollte verstehen, was sie mir zu sagen hat“, sagt sie. Die anderen Kursteilnehmer nicken, ihnen geht es ähnlich.

„Wir lassen uns nicht ablenken“

Vier gehörlose Mitarbeiterinnen arbeiten insgesamt in der Produktion. Stört das den Ablauf? „Überhaupt nicht, sie leisten eine hervorragende Arbeit“, versichert Werkleiter Christoph Sahm. Vielleicht sind die Frauen sogar ein kleines bisschen besser als die Kolleginnen: „Wir lassen uns nicht durch Gespräche oder Lärm ablenken und sind stets hochkonzentriert“, erklärt die ebenfalls gehörlose Nicole Waschka selbstbewusst.

Sie liest von den Lippen ab, antwortet mit Gebärden und der nach leichter Gewöhnung gut verständlichen Stimme. Genau wie bei ihrer Kollegin Christina Herrmann.

Bei den wöchentlichen Abteilungsbesprechungen klappt die Kommunikation trotz­dem nicht so gut. Deshalb kommt zu wichtigen Ereignissen wie Betriebsversammlungen ein Gebärdendolmetscher: „Das ist sehr hilfreich“, lobt der Schwerbehinderten-Vertreter Udo Gessner.

„Ich führe ein ganz normales Leben“

Überhaupt ist man in Schweinfurt sehr aufmerksam gegenüber benachteiligten Menschen. Die Quote für Schwerbehinderte liegt bei über 5 Prozent und damit höher als bundesweit üblich (4,2 Prozent).

Die betroffenen Frauen sind dankbar für den Job: „Hier habe ich nette Kolleginnen, eine gute Arbeit und führe ein ganz normales Leben“, erklärt Carola Glas, „nur höre ich eben nichts.“

 

Info: Jobs für benachteiligte Mitmenschen

Etwa jeder zwölfte Einwohner in Deutschland ist schwerbehindert (8,4 Prozent), so das Statistische Bundesamt. Rund 19 Prozent von ihnen können ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit bestreiten. Dafür stehen bundesweit 800.500 Pflichtarbeitsplätze zur Verfügung.

Jeder Arbeitgeber muss mindestens 5 Prozent seiner Stellen an diese Arbeitnehmer geben. Tut er das nicht, ist für jeden unbesetzten Job eine Ausgleichsabgabe fällig (zwischen 105 und 260 Euro pro Monat).

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