Lebensarbeitszeit

Die Stellgrößen im Griff


Betriebe gehen die Herausforderung des längeren Berufslebens an

Wiesbaden. Arbeit ist nur anstrengend, Freizeit immer toll? „Die Formel geht so nicht auf“, mahnt der Sozialwissenschaftler Clemens Volkwein: „Bitte keinen scharfen Gegensatz zwischen beruflich und privat! Wir brauchen Freude an der Arbeit und Herausforderungen in der Freizeit“, so sein Tipp für ein langes Berufsleben. „Die Balance muss stimmen. Schließlich arbeiten wir in Zukunft bis 67!“

Wenn die Belegschaft immer älter wird Normalerweise berät Volkwein eher Unternehmen in Sachen alternde Belegschaft. Als Demografie-Experte des hessischen Arbeitgeberverbands Chemie zeigt er Firmen, was für Folgen die Entwicklung für sie hat.

„Da werden nicht mehr einzelne Kollegen älter, sondern gleich ganze Gruppen“, sagt er und deutet auf die Alterskurve eines Betriebs. „In dieser Produktion sind die meisten Mitarbeiter 40 bis 50 Jahre alt. In wenigen Jahren werden sie 50 bis 60 Jahre alt sein. Da muss man reagieren.“

Es ist eine Herausforderung, die viele der bundesweit etwa 1900 Chemie-Betriebe trifft. Denn das Durchschnittsalter der rund 550.000 Beschäftigten liegt derzeit bei 41,8 Jahren. Die Chemie hat deshalb eigens einen Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ vereinbart. Mit dessen Werkzeugen gehen die Unternehmen das Problem an, angefangen bei der Fitness. Denn viele Beschäftigte fragen sich: Wie bleibt man so lange fit und einsatzfähig?

Mit Gesundheits-Vorsorge und ergonomischen Arbeitsplätzen zum Beispiel. Der Pluspunkt: „Eine gesunde Belegschaft bringt echten Nutzen fürs Unternehmen“, weiß Volkwein. Sich fit zu halten – da ist auch jeder selbst gefordert. „Das sollte schon bei den Azubis anfangen.“

Und wie hält man mit der Technik Schritt? Da sind Fortbildung und stetiges Lernen nötig. „Wer 15 Jahre lang die gleiche Tätigkeit ausübt und keine Weiterbildung macht, dem kann der Wechsel auf einen anderen Arbeitsplatz schon schwerfallen“, macht der Berater klar. Gefordert sind hier Betriebe wie Beschäftigte.

Dennoch bereitet der weite Weg bis zur Rente manch einem Sorgen. „Viele sehen das Berufsleben wie ein 100-Meter-Läufer“, schildert Volkwein. „Sie wollen die Strecke möglichst schnell hinter sich bringen.“ Mit einer anderen Haltung tue man sich da leichter. Denn der frühe Ausstieg mit 60 oder gar 57 geht bald nicht mehr.

„Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich dem Thema zu stellen“, sagt Dirk Meyer, Demografie-Experte beim Bundesarbeitgeberverband Chemie. Die Firmen tun das. Derzeit verschaffen sie sich die nötigen Daten und Fakten, untersuchen die Altersstruktur ihrer Belegschaften und ermitteln deren Know-how-Stand.

Was das bringt? „Dann wissen die Unternehmen: Wo im Betrieb ist der Altersdurchschnitt hoch? Wie alt sind unsere Meister? Wann gehen sie in Rente? Wo droht womöglich der Verlust von wichtigem Know-how?“, schildert Meyer. Mit dem Wissen können die Firmen gegensteuern.

„Wir kennen unsere Hausaufgaben“

So fand Kunststoff-Hersteller Hexion Speciality Chemicals in Iserlohn mit Hilfe einer speziellen Software des Arbeitgeberverbands Chemie Westfalen heraus, dass es ihm unter anderem bald an Chemielaboranten mangelt. „Wir kennen unsere Hausaufgaben“, sagt Personalchef Johannes Bornmüller. Und Kunststofftechnik-Hersteller Elkamet in Biedenkopf setzt künftig verstärkt auf junge Leute: Der Mittelständler bildet ab sofort jedes Jahr aus, um Personalengpässe zu vermeiden.

Aber es kommt noch mehr: Von 2010 an zahlen die Firmen pro Tarifmitarbeiter und Jahr einen Beitrag von 300 Euro in einen betrieblichen Demografie-Fonds zum Abfedern der langen Lebensarbeitszeit.

Damit kann man Langzeitkonten aufbauen, tarifliche Altersvorsorge, Schutz vor Berufsunfähigkeit oder auch Altersteilzeit finanzieren. Meyer: „Auf Grundlage der Altersuntersuchung können Firmenleitung und Betriebsrat nun entscheiden, wofür sie das Geld am besten einsetzen wollen.“ Die Chemie stellt also bereits jetzt die Weichen für ein längeres Berufsleben.

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