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Die Stahlkocher von der Elbe


Im Hamburger Hafen liegt ein Werk, das zu den modernsten Walzdraht-Herstellern der Welt zählt

Das Erste, was auf dem Weg zum Werkgelände auffällt, ist die Hochspannungsleitung. Mächtige Gittermasten mit zwölf daumendicken Kabeln, die das Areal im Hamburger Hafen mit der Außenwelt verbinden. Wie bei einem Kraftwerk. Doch das hier ist kein Kraftwerk, und der Strom geht nicht raus, sondern rein. Rein in das Hamburger Werk des Stahlkonzerns ArcelorMittal, der hier pro Jahr 1,1 Millionen Tonnen Stahl produziert.

Der Arbeitsplatz der rund 600 Mitarbeiter zählt nicht nur zu den modernsten seiner Branche, auch die Art der Energieversorgung macht ihn zu etwas Besonderem.

Normalerweise ist Koks die Basis für die Stahlerzeugung in Hüttenwerken. „Doch hier in Hamburg setzen wir Strom und Erdgas ein“, erklärt Marc Hölling. Der 33-jährige Diplom-Ingenieur leitet die Abteilung Prozesstechnologie bei ArcelorMittal Hamburg.

Mit Rücksicht auf Umwelt und Menschen haben die Stahlkocher an der Elbe früh auf eine Technik gesetzt, die heute als vorbildlich in Sachen Ökologie gilt: Sie arbeiten mit einem elektrischen Ofen.

„Genau genommen ist es ein Elektrolichtbogenofen“, schreit Marc Hölling gegen den Lärm der Anlage an.

Hohe Qualität und niedrige Emmissionen

Wie ein gefräßiges Urzeit-Monster steht der Ofen in seiner Halle und speit Feuer. Er wird gerade  gefüttert. Das sieht nicht nur spektakulär aus. Es ist auch unvorstellbar laut. So laut, dass sich wohl  auch ohne die zwingende Vorschrift niemand hier rein wagen würde, der keinen Gehörschutz trägt.

Der Lärm rührt daher, dass der Ofen mit Schrott beschickt wird. Zerschredderte Autos, Reste aus der Metallbearbeitung und rostige Bolzen in allen Größen – etliche Tonnen prasseln auf einen Rutsch in den feuerfest ausgemauerten Bottich. Der fasst rund 140 Tonnen und ist bereits zu einem Drittel gefüllt.

Zweiter Rohstoff neben dem Altmetall ist der sogenannte Eisenschwamm. Er wird in einer turmhohen Reduktions-Anlage aus Eisenerz gewonnen. Diese „Midrex-Anlage“ ist die einzige ihrer Art in Westeuropa. Sie hat einen so gewaltigen Hunger auf Energie, dass sie das Stahlwerk zum größten Gasverbraucher der Hansestadt macht.

Hölling nutzt eine kurze Lärmpause am Ofen zur Erklärung: „Die Anlage arbeitet bei der Herstellung des Zwischenprodukts Eisenschwamm mit Erdgas. Das sorgt für eine sehr hohe Qualität. Durch den Einsatz von Erdgas statt Koks sind die Emissionen von Kohlendioxid deutlich geringer. Wir liegen hier um rund 30 Prozent niedriger als ein Hochofen.“

Lichtbögen lassen das Metall blubbern

Nachdem der Ofen komplett gefüllt ist, beginnt der Schmelzprozess. Drei riesige Graphit-Elektroden fahren von oben knatternd in den Bottich und erzeugen mit ihren Lichtbögen eine solche Hitze, dass das Metall binnen kurzer Zeit zu einer einzigen blubbernden Masse wird.

Aus sicherer Entfernung verfolgt eine Gruppe Auszubildender das Schauspiel – darunter auch eine Frau. „Das ist längst hier kein reiner Männerclub mehr“, sagt Nadine Stöwing stolz.

Überwacht wird der Prozess im nahe gelegenen Leitstand. Marc Hölling deutet auf einen Monitor, der den Stromfluss anzeigt: „Pro Minute wird hier so viel Strom verbraucht, wie ein Vier-Personen-Haushalt in drei Monaten benötigt. Im Jahr kommen wir auf 750 Millionen Kilowattstunden.“

Dann ist es Zeit für den Abstich. Mit 1.650 Grad fließt der Stahl in eine Gießpfanne und wird weiter in den Pfannenofen transportiert. Dort werden die Zutaten für die Legierung beigemischt.

Danach geht es in die Stranggussanlage. Die spuckt im Minutentakt rotglühende „Knüppel“ aus. Aus ihnen entsteht im angeschlossenen Walzwerk Draht. Hölling: „Unter anderem werden daraus Bolzen, Federn und Stahlgürtel für Autoreifen gemacht. Und wenn das Auto irgendwann verschrottet wird, kann es gut sein, dass es wieder in unserem Ofen landet. Damit schließt sich der Kreis.“

 

ArcelorMittal, Hamburg

Die ArcelorMittal Hamburg GmbH, gegründet 1969 als Hamburger Stahlwerke, wurde 1995 vom indischen Unternehmer Lakshmi N. Mittal übernommen. Dieser schmiedete 2007 aus dem luxemburgischen Arcelor S.A. und der niederländischen Mittal Steel Company den größten Stahlkonzern der Welt. Das Unternehmen betreibt rund 60 Werke und erwirtschaftete 2010 einen Gewinn von 2,9 Milliarden Dollar.

Stahl-Industrie Deutschland

Die Rohstahl-Erzeugung in Deutschland ist seit 2005 um rund 20 Prozent auf etwa 33 Millionen Tonnen pro Jahr gesunken. Damit ist die Bundesrepublik allerdings immer noch der größte Rohstahlproduzent der Europäischen Union und der siebtgrößte der Welt. Die Exportquote der deutschen Stahl-Industrie liegt bei rund 50 Prozent, wobei etwa drei Viertel der deutschen Exporte in der EU verbleiben.

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