Messer aus Solingen

Die Scharfmacher


Solingen. „Ich sehe, ob ein Messer scharf ist, da habe ich einen Blick für“, sagt Ranko Kobas, während er mit ruhiger Hand an seiner Maschine einem neuen Messer den letzten Schliff gibt. Vorher haben mehr als 100 Roboter gleich nebenan ganze Arbeit geleistet, haben geschmiedet, gehärtet, geschliffen, poliert, Griffe montiert und die Klinge abgezogen.

Mensch und Maschine – bei der traditionsreichen Eduard Wüsthof Dreizackwerk KG in Solingen arbeiten sie Hand in Hand, seit fast 30 Jahren. Längst haben Automaten den muskelbepackten Schmied, der einst am Amboss mit schwerem Hammer das glühende Metall formte, abgelöst.
„Dafür sind die Stückzahlen heute einfach viel zu groß“, sagt Harald Wüsthof, der das 1814 in der Klingenstadt gegründete Unternehmen in der siebten Generation leitet. Jahr für Jahr produziert es zwei Millionen Messer.

Die haben 2012 einen Umsatz von rund 47 Millionen Euro gebracht.
295 Mitarbeiter arbeiten bei Wüsthof. Sie werden unterstützt von 108 Robotern. Deren Einsatz geht zwar nicht zulasten von Arbeitsplätzen. Dennoch, so der Chef musste sich ein Teil der Belegschaft umstellen: Der Mechatroniker, der Anlagen bedient, wartet und programmiert, steht heute ganz selbstverständlich neben dem Handschleifer in der Produktion.

Rund 400 verschiedene Messer für die Küche werden in Solingen hergestellt; 85 Prozent davon gehen ins Ausland. Das Exportgeschäft hat bei Wüsthof Tradition: Bereits 1900 war das Unternehmen auf der Weltausstellung in Paris vertreten. In den 50er- und 60er-Jahren eroberte die Firma die USA: Dort wird heute jedes zweite Messer verkauft.

Sogar die Koch-Samurai in Japan bereiten ihre Sushi mit den Messern aus Solingen zu

Nicht nur Hausmänner und Hausfrauen schnippeln mit Wüsthof-Messern, sondern auch die Profis von zwölf Koch-Nationalmannschaften. Selbst Japans Koch-Samurai greifen bei der Sushi-Zubereitung zu Klingen „made in Solingen“.

„Diese Herkunftsbezeichnung“, betont Wüsthof, „hat für uns eindeutig eine höhere Bedeutung als das ,Made in Germany‘.“ Die Stadt ist die einzige weltweit, deren Name als Marke geschützt ist. In der „Solingen-Verordnung“ sind die hohen Qualitätskriterien festgelegt, die Schneidwerkzeuge aus der Region erfüllen müssen. Dabei müssen drei Viertel der Wertschöpfung innerhalb der Stadtgrenzen erbracht werden.

In der Klingenstadt gibt es auch heute noch mehr als 100 Schneidwaren-Unternehmen. Etwa jeder siebte Arbeitsplatz hängt hier direkt oder indirekt von dieser Branche ab.

Manches beim Messerkauf ist Geschmackssache, nicht aber Korrosionsbeständigkeit, Balance in der Hand, Wiederschärfbarkeit – und vor allen Dingen die Schärfe selbst. „Wenn ich das Messer scharf mache“, sagt Ranko Kobas, der Mann mit der ruhigen Hand, „dann ist der Winkel beim Schleifen das Allerwichtigste. Gründlich muss ich sein. Das geht vor Schnelligkeit.“

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