Auf den richtigen Ton kommt’s an

Die Rohstoff-Analysen von Regina Vogt optimieren die Anlagen des Maschinenbauers Lingl

Krumbach. Fein säuberlich hat Regina Vogt (51) die genaue Temperatur auf Dutzenden Tonproben notiert: Eine wurde bei exakt 673 Grad Celsius gebrannt – sie ist noch nicht richtig hart. Das 1.090-Grad-Ziegelchen dagegen: viel zu brüchig.

„Ich muss Grenzen ausloten, testen, was noch geht“, sagt die Mitarbeiterin des Maschinen- und Anlagenbauers Lingl im schwäbischen Krumbach (500 Beschäftigte weltweit). Verfahrenstechnikerin Vogt leitet seit 2005 das Versuchslabor des Unternehmens. Von ihren Analysen hängen Entscheidungen über Millionen-Investitionen ab: Lingl stellt Anlagen für die keramische Industrie her, die meist riesige Hallen ausfüllen.

Mit solchen Anlagen werden vor allem Mauer- und Dachziegel aus Ton produziert. „Ohne eine genaue Vorab-Analyse des Rohstoffs geht in unserem Geschäft nichts“, erklärt Vogt. „Wir würden nicht eine Anlage verkaufen!“

Der Rohstoff ist von Ort zu Ort ganz verschieden

Das liegt am Ton selbst: Er kommt rund um den Globus in unterschiedlichsten Farben, Formen und Zusammensetzungen vor. Die Anlagen müssen deshalb genau auf den jeweiligen Rohstoff abgestimmt sein, um die Qualität der Produkte zu gewährleisten und effizient zu laufen. Die Kunden von Lingl erwarten, dass der Hersteller diese Dienstleistung übernimmt.

Einfach nur gute Anlagen zu bauen oder hochwertige Produkte herzustellen, das reicht in vielen Teilen der Industrie nicht mehr aus. Um sich von der Konkurrenz abzuheben und um zusätzliches Geschäft an Land zu ziehen, werden Dienstleistungen immer wichtiger.

Fachleute sprechen da von „hybrider Wertschöpfung“ – einem Mix aus Produktion und Service. Rund ein Fünftel der Firmen in Bayerns Metall- und Elektroindustrie gehört aus Sicht des Beratungsunternehmens IW Consult mittlerweile zu den „hybriden“ Unternehmen – die also neben ihrem Kerngeschäft eine Vielzahl von Dienstleistungen anbieten.

Lingl-Leute zum Beispiel entwerfen nicht nur die passgenaue Anlage. Sie installieren sie auch vor Ort, sie schulen Mitarbeiter des Kunden, und sie helfen dabei, die Produktion anlaufen zu lassen. Später gehören dann die Wartung und natürlich der Ersatzteilservice zu den Leistungen des Unternehmens.

Am Anfang steht allerdings stets die Arbeit von Labor-Chefin Vogt, die nicht nur Ton untersucht, sondern auch die Kunden berät. Etwa wenn es darum geht, welche Art Ziegel mit dem örtlich vorhandenen Material überhaupt hergestellt werden kann. Ihren Kollegen gibt sie dann wichtige Tipps für die Konzeption der Anlagen.

Die dafür nötigen Analysen fordern sie immer wieder neu heraus. „Mein Job gleicht einer Detektivarbeit, denn jeder Ton ist anders“, so Vogt. Die Farbe, die Dichte sowie der Gehalt von Kalk, Quarz und Sand: Schon Nuancen beeinflussen jeweils, wie ein Ton auf Feuchtigkeit oder Hitze reagiert. Ob er lieber kürzer gebrannt werden oder länger abkühlen soll. All diese Punkte – und noch viele andere – bestimmen, wie eine optimale Produktionsstraße des Kunden schließlich aussehen sollte.

Beim Bau so einer Anlage sei es eben ein wenig wie beim Behandeln einer Krankheit, sagt Vogt: „Zu Beginn braucht man immer die richtige Diagnose.“

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Ich wollte Bauingenieurin werden. Doch dafür waren die Noten nicht gut genug. Die vielfältige Verfahrenstechnik war die Alternative.

Was reizt Sie am meisten?
Jeder Ton ist anders. Ich muss die Grenzen des Materials testen, herausfinden, für was es zu gebrauchen ist und wie es optimal verarbeitet werden kann.

Worauf kommt es an?
Wichtig ist Fachkenntnis. Ich muss meine komplexen Ergebnisse aber auch Nicht-Experten erklären können – Kunden wie Kollegen.


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