Energie

Die Riesen-Steckdose


Vor Ort in Deutschlands erstem kommerziellen Offshore-Windpark

Zehn Meter noch, dann ist es geschafft. Aber diese zehn Meter verlangen unserem Kapitän mehr Aufmerksamkeit ab als die zwei Stunden Fahrt, die sein Schiff an diesem Herbsttag über die unruhige Ostsee zurückgelegt hat. Er muss das stampfende Schiff, nicht größer als ein Spaßdampfer auf der Hamburger Alster, so exakt in Position bringen, dass seine fünf Passagiere ohne Gefahr für Leib und Leben an ihren Arbeitsplatz gelangen.

Der Arbeitsplatz, das ist die Riesensteckdose im Meer. Genauer: eine riesige, vier Stockwerke hohe Umspann-Plattform, die wie ein Storchennest auf einem gewaltigen Stahlrohr sitzt.

Meisterleistung der Offshore-Baukunst

Sie ist das Zentrum des ersten deutschen Offshore-Windparks „EnBW Baltic 1“, den der Konzern Energie Baden-Württemberg (EnBW) im Jahr 2010 errichtet hat. Unterstützt wurden die Arbeiten von einer Perle der norddeutschen Metall- und Elektro-Industrie: dem Rostocker Elektrotechnikspezialisten SEAR GmbH.

Der Kapitän steuert das Schiff mit einem Joystick, und dazu braucht er Fingerspitzengefühl: Jede Bewegung muss sitzen, damit das Boot sicher anlegen kann – am Fundament der Station. Das ist eine Meisterleistung der Offshore-Ingenieure. Das Rohr wurde mit einer riesigen Ramme 20 Meter tief in den Ostseegrund getrieben und mit dem „Transition Piece“ gekrönt, dem Verbindungsstück für die in Bremerhaven vorgefertigte Plattform.

Noch zwei Minuten tanzt das Schiff wie eine Nussschale vor dem riesigen Bauwerk – dann ist es so weit: Der Bug steht an der Anlegekante, der Kapitän gibt Vollgas, um trotz der Wellen eine halbwegs stabile Verbindung zu halten, und die Passagiere entern die Leiter der Plattform. Damit beginnt auch der heutige Einsatz von Dirk Pingel (46).

Der Bau- und Inbetriebnahme-Leiter arbeitet bereits seit 1980 für SEAR. Angefangen hat er als Elektromonteur mit Verkabelungen, heute zählt er zu den wenigen ingenieurtechnischen Offshore-Experten Deutschlands. Er hat den Bau der Plattform seit Anfang 2010 begleitet und kennt auf den vier Decks jeden Winkel.

„Heute steht ein Routine-Einsatz auf dem Programm“, erklärt er dem nach der unruhigen Überfahrt leicht angeschlagenen AKTIV-im-Norden-Reporter. „Ich muss nur ein paar Installationen prüfen, die in den vergangenen Tagen fertiggestellt wurden.“

Pingels erstes großes Offshore-Projekt war der Nordsee-Windpark „Bard 1“. Dort werden insgesamt 80 Turbinen aufgestellt. „Wenn die 2012 in Betrieb gehen, liefern sie jährlich 1,6 Milliarden Kilowattstunden“, erzählt der SEAR-Experte. „Das deckt den Bedarf von 400.000 Haushalten.“

Das Stromkabel ist 30 Zentimeter dick

Bei EnBW Baltic 1 sind alle 21 Windkraftanlagen bereits aufgestellt. Sie können Strom für 50.000 Haushalte produzieren. Damit der aber auf dem Festland überhaupt genutzt werden kann, muss er erst mal transportfähig gemacht werden. „Genau das ist die Aufgabe der Umspann-Plattform“, erläutert Pingel. „Sie ist gleichzeitig Herz und Gehirn des Windparks.“

Hier fließen nicht nur alle technischen Informationen zusammen, sondern auch der Strom aus den einzelnen Turbinen. Er hat eine Spannung von 33.000 Volt – deutlich mehr als die 220 Volt aus der gewöhnlichen Haushaltssteckdose, aber technisch zu wenig, um die lange Reise Richtung Süden anzutreten: Würde man ihn so durch das 60-Kilometer-Kabel nach Rostock schicken, müsste man entweder erhebliche Leitungsverluste in Kauf nehmen oder gewaltige Kabel verlegen.

„Daher wird die Spannung auf 150.000 Volt erhöht“, erklärt Pingel, „und das Kabel zum Festland hat nur 30 Zentimeter Durchmesser.“

Nach drei Stunden hat er seine Inspektion beendet, und er ist zufrieden mit dem Resultat. Keine Selbstverständlichkeit. Denn gute Mitarbeiter sind in diesem Bereich schwer zu finden.

Pingel: „In Sachen Offshore hat Deutschland immer noch Nachholbedarf, andere Nationen sind da durch ihre Erfahrungen im Bereich Erdöl und Erdgas viel weiter.“

Am Bau von Baltic 1 waren auch Australier, Iren, Neuseeländer und Skandinavier beteiligt. Und natürlich, auf seine Art, der Kapitän, der uns mit seinem Joystick am Ende wieder sicher nach Rostock-Warnemünde bringt. Er ist Engländer und macht sich ab und zu einen Spaß daraus, die Landratten an Bord kräftig durchzuschaukeln.

Auf die deutsche Ingenieurkunst lässt er allerdings nichts kommen: „Ich habe in vielen Ländern gearbeitet – aber eure Präzision bewundere ich wirklich.“

 

Ostsee-Windpark EnBW Baltic 1

EnBW Baltic 1 ist der erste kommerzielle Offshore-Windpark. Bauherr ist Energie Baden-Württemberg (EnBW). Die 21 Turbinen haben eine installierte Gesamtleistung von 48 Megawatt (MW) und sollen jährlich 185 Millionen Kilowattstunden liefern. Nordöstlich davon ist die größere Anlage EnBW Baltic 2 geplant: Hier sollen 80 Turbinen mit insgesamt 288 MW installierter Leistung errichtet werden.

SEAR GmbH, Rostock

SEAR ist ein international tätiger Spezialist für die Errichtung komplexer elektrotechnischer Anlagen und die Lieferung von Automations- und Fertigungsleitsystemen. Das mittelständische Unternehmen beschäftigt derzeit rund 150 Mitarbeiter in Rostock, Halle und Hannover.

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