Fahrzeugbau

Die Meister des perfekten Glanzes


Wie ein Sauerländer Unternehmen unseren Autos ein markantes Gesicht verleiht

Lüdenscheid. Nie war das Top-Modell der Mittelklasse so stark: Satte 457 PS hat der neue Mercedes C 63 AMG unter der Haube. Den Sprint von 0 auf 100 schafft er in 4,5 Sekunden. Aber bei 250 Stundenkilometern ist Schluss, dann bremst der Geschwindigkeitsbegrenzer den allzu ungestümen Vorwärtsdrang. Sein markantes Gesicht stammt von Gerhardi Kunststofftechnik.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Lüdenscheid produziert Autogrills und Zierleisten vor allem für die Premiumklasse. Egal ob Audi, BMW oder eben Mercedes: Diese Hersteller fahren auf die Gerhardi-Erzeugnisse ab. Genauso wie die großen Systemlieferanten, die den Fahrzeugbauern komplette Frontmodule ans Band karren.

Deutsche Autos sind ein Exportschlager. Deshalb läuft bei dem Unternehmen das Geschäft auf vollen Touren: Der Umsatz legt Jahr für Jahr zu, wird in diesem Jahr 95 Millionen Euro erreichen. Die erfreuliche Folge: Seit 2006 wuchs die Belegschaft in den drei Werken Lüdenscheid, Ibbenbüren und Werdohl um 70 Mitarbeiter auf jetzt 730. „Wir sind in unserer Branche inzwischen einer der Marktführer“, sagt Thomas Dinter. Er ist Mitglied der Geschäftsführung.

Ein weiterer Grund für den Boom: Der Chrom-Look am Auto ist wieder der Renner. Die silbern glänzenden Leisten und Frontgitter bestehen allerdings nicht aus Metall, sondern aus Kunststoff. Um Gewicht zu sparen. Beispiel Audi A 6: Sein Riesenmaul wiegt nur 2 Kilo. Das Design-Vorbild aus den 30er-Jahren, das die legendären Silberpfeile der Auto Union zierte, brachte das Sechs- bis Siebenfache auf die Waage.

Die verchromten Kunststoffteile haben aber auch noch andere Vorteile: Sie rosten nicht. Und sind nahezu kratzfest.

650 Tonnen bringen Kunststoff in Form 

Frisch gegossen: Carmelo Iannuzzo fasst die Symbole deutscher Wertarbeit mit Handschuhen an. Fingerabdrücke könnten Flecken hinterlassen.

 

Stets im (Spiegel)-Bilde: Mareike Simanzik weiß, worauf sie achten muss. Hier kontrolliert sie Zierleisten für die A-Klasse von Mercedes.

Ihre Fertigung ist ausgesprochen aufwendig. Hochleistungsspritzgießmaschinen bringen den geschmolzenen Kunststoff mit einer Kraft von 650 Tonnen in Form. „Sonst könnten sich winzigkleine Unebenheiten bilden. Oder an den Seiten Grate“, erklärt Dinter, während hinter ihm Carmelo Iannuzzo frisch gegossene Mercedes-Sterne fein säuberlich in ein Gestell hängt.

Der Arbeiter trägt Handschuhe, denn Fingerabdrücke könnten auf dem Symbol deutscher Wertarbeit hässliche Spuren hinterlassen. Nun bringt Iannuzzo die Fuhre in die Galvanik.

Hier geht es um Tausendstel

Hier ist alle vier Minuten eine Partie fertig, versehen mit einer Beschichtung aus Kupfer, Nickel und schließlich Chrom. Chrom alleine würde nicht richtig haften. Dessen Oberfläche ist nur ein achttausendstel Millimeter „dick“.

„Von 1 Million Teilen dürfen höchstens 500 einen Makel haben“, verdeutlicht Dinter. Deshalb wird jeder Grill und jede Leiste vor dem Versand noch einmal gründlich in Augenschein genommen. Zum Beispiel von Mareike Simanzik. Die junge Frau gehört zu den Mitarbeitern, die seit diesem Jahr zum Team gehören.

Ihr Arbeitgeber dreht derweil noch mehr auf – dank des neuen Geländewagens von Volkswagen. Der Tiguan, kleiner Bruder des bulligen Tuareg, wurde im September auf der Frankfurter IAA vorgestellt. Sein mächtiger Grill stammt von Gerhardi.

Wilfried Hennes

Vom Kochtopf zum Grill

     

  • 1796 wird das Unternehmen Gerhardi in Lüdenscheid gegründet, stellt zunächst Kochtöpfe und Besteck her.
  • Ab den 50er-Jahren produziert es Blechteile fürs Auto – wie etwa Radkappen.
  • 1956 liefert Gerhardi den ersten Kühlergrill aus Metall,
  • 1980 bringt die Firma den ersten aus Kunststoff heraus.
  • Seit den 80ern fertigt das Unternehmen auch Hitzeschilder für Auto-Kats. Außerdem stehen Bau-Profile aus Alu im Programm.
  • 1998 verkauft die Unternehmerfamilie den Großteil der Produktion an einen US-Konzern, behält nur das Profilewerk.
  • 2000 wollen sich die Amerikaner von der Autogrill- und Zierleistensparte trennen. Fünf Manager, darunter Thomas Dinter, entschließen sich, diesen Unternehmensteil als neue Firma Gerhardi Kunststofftechnik fortzuführen. Investitionen in Höhe von 30 Millionen Euro machen aus dem Verlustbetrieb ein hochprofitables Unternehmen.
  • Aus alter Tradition rechnet sich das Unternehmen nach wie vor zur Metall- und Elektro-Industrie.
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