Zeitarbeit

Die Mär vom „Verdrängungseffekt"


Stammkräfte werden nicht massenhaft ersetzt – im Gegenteil

Hamburg/Rostock. „Leiharbeit verdrängt in vielen Betrieben die regulären Jobs“, behauptet die IG Metall. Damit meint die Gewerkschaft nicht etwa die inzwischen verbotene Praxis der Pleite-Firma Schlecker, die eigene Leute systematisch in Zeitarbeit abschob. Sondern sie attackiert den größten Industriezweig Metall und Elektro (M+E). Müssen sich dessen Mitarbeiter etwa Sorgen machen?

Dagegen spricht schon eine schlichte Zahl: Seit dem Tiefpunkt im Frühjahr 2010 sind die M+E-Stammbelegschaften um über 200.000 Köpfe gewachsen, auf nun 3,65 Millionen. Das ergibt sich aus Erhebungen des Statistischen Bundesamtes.

Gewerkschaft erlaubt Airbus hohe Quote

Der Einsatz von Zeitarbeitern in M+E-Betrieben ist im Vergleich dazu eher gering: Auf einen Zeitarbeiter kommen im Schnitt 15 Stammkräfte. Laut Bundesagentur für Arbeit waren im Juni 2011 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) insgesamt 240.000 Zeitarbeiter bei M+E tätig – nur 5.000 mehr als Mitte 2008. In der großen Krise ging die Zahl bis auf 130.000 zurück, dann stieg sie wieder. „Die Hälfte der M+E-Betriebe nutzt gar keine Zeitarbeit“, berichtet der Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Zur anderen Hälfte gehört zum Beispiel der Flugzeugbauer Airbus Deutschland. Er hat 16.550 eigene Mitarbeiter. Und knapp 4.000 Zeitarbeiter – mehr können es auch kaum werden, wie Airbus-Arbeitsdirektor Joachim Sauer gegenüber AKTIV erläutert: Mit der Gewerkschaft ist eine (für die Branche überdurchschnittlich hohe) Obergrenze von 20 Prozent vereinbart worden.

Wie ist das bei Airbus mit der Verdrängung? Sauer: „Die Stammbelegschaft hat sich in den letzten drei Jahren sehr stabil entwickelt.“ Nicht trotz, sondern „dank der Zeitarbeit“. Ohne sie wäre die Ausweitung des Geschäfts „nicht möglich gewesen“, betont der Arbeitsdirektor. „Wir wollen mit ihr vor allem Spitzen abfedern – dies kann auch für die Ingenieurbereiche erforderlich sein. Teilweise benötigen wir für Entwicklungsprojekte Zeitarbeiter für drei Jahre.“

Zuletzt ist hier die Zahl der Zeitarbeiter gesunken. Viele werden auf frei werdende Stellen unbefristet übernommen – 700 seit Ende 2010, weitere 300 dieses Jahr. Sauer plant für 2012 aber auch „mindestens 1.000 externe Einstellungen“.

Auf die flexible Ergänzung der Belegschaft setzen auch viel kleinere Firmen, etwa der Rostocker Anlagenbauer SEAR. Seit 2009 ist dort die Zahl der Zeitarbeiter um 15 gestiegen. Die eigene Belegschaft wuchs zugleich um 19 auf 168 Mitarbeiter an, unter den Neuen sind auch frühere Zeitarbeiter.

„Zeitarbeit ist unverzichtbar“

Für SEAR-Geschäftsführer Thomas Lambusch steht fest: „Gerade im Projektgeschäft und beim Aufbau neuer Geschäftsfelder ist ein vorübergehender Einsatz von Zeitarbeit unabdingbar.“

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser, selbst Chef eines Wäschereianlagen-Herstellers mit 1.300 Mitarbeitern, sagt es so: „Zeitarbeit ist ein unverzichtbares Mittel, um flexibel auf Auftragsschwankungen reagieren zu können. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden.“

Wie es in der Wirtschaft insgesamt aussieht, beleuchtet jetzt eine Studie. Das Essener Forschungsinstitut RWI untersuchte Daten zur Zeitarbeit aus dem repräsentativen IAB-Betriebspanel der Bundesagentur für Arbeit. Eine Verdrängung könnten ja drei Kombinationen andeuten: Abbau Stammbelegschaft plus Aufbau Zeitarbeit, Abbau der Stammkräfte bei gleichbleibender Zeitarbeit oder aber Zunahme der Zeitarbeit bei konstanter Stammbelegschaft. Ergebnis der Forscher: Solche Fälle finden sich insgesamt nur in jedem zehnten Betrieb!

Kritische Fälle sind sehr selten

Zwar sind die Daten aus den Jahren 2007 bis 2009 – doch dass sich zumindest das Verhalten der M+E-Firmen seitdem nicht abrupt verändert haben dürfte, zeigt der schon erwähnte starke Zuwachs bei den Stammbelegschaften.

Das RWI hält fest: „Der sehr kritisch gesehene Aufbau von Zeitarbeit bei Abbau der Stammbelegschaft ist nur sehr selten zu beobachten.“ Und: „Wesentlich häufiger kommt die gegenteilige Kombination vor, bei der Zeitarbeitskräfte reduziert werden und gleichzeitig die Stammbelegschaft wächst“.


 

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