Ausbildung

Die letzte Chance


Wie Jugendliche um ihre Zukunft kämpfen

Haare will sie schneiden! Und waschen, legen, färben, föhnen,  ein paar Strähnchen für die Dame? „Friseurin, das war immer mein Traumberuf“, sagt Mandy G. leise. Doch statt in einem schicken Salon steht die 17-Jährige an diesem Morgen in einem fensterlosen Raum und sägt eine Elefantenfigur aus einem Stückchen Holz.

Man beginnt zu ahnen: In dem jungen Leben der Mandy G. ist mächtig was schiefgelaufen.

Sie ist eine von 24 Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren, die vor einem Monat ihren persönlichen Hoffnungslauf gestartet haben: hier in der „Jugendwerkstatt Nippes“, gelegen in einem tristen Kölner Hinterhof. 21 der 24 haben nicht mal einen Hauptschul-Abschluss, alle sind sie ohne Lehrstelle, ohne Job.

Ein Jahr lang werden jetzt fünf Betreuer um die Sozialpädagogin Jadranka Vucic versuchen, das zu ändern, die Jugendlichen hier fit zu machen. Für den ersten Ausbildungsmarkt, für Aushilfsstellen, für was auch immer. „Hauptsache keine Hartz-IV-Karriere“, sagt Vucic.

Wie viel Gramm sind ein Kilo?

Gut 80.000 Jugendliche verlassen Jahr für Jahr in Deutschland die Hauptschule ohne Abschluss. Ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind schlecht. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung findet immerhin ein Fünftel von ihnen trotzdem direkt eine Lehrstelle. Doch die Mehrheit landet in berufsvorbereitenden Qualifizierungsmaßnahmen, in denen Versäumtes nachgeholt werden soll.

Die in Köln-Nippes. „Wir sind ein Reparaturbetrieb für das, was überforderte Eltern ignoriert und die Schulen durchgewunken haben“, sagt Kursleiterin Vucic.

In ihrem Büro blättert sie in den Mathe- und Deutsch-Tests, die sie alle vor ein paar Tagen absolviert haben. „Wie viel ist drei mal fünf?“, wurde da gefragt. Oder: „Wie viel Gramm sind ein Kilo?“ Vucic zückt den Rotstift, die Ergebnisse sind schlecht. „An solchen Aufgaben scheitern hier anfangs viele“, sagt sie. Ausbildungsreife sieht anders aus.

„Geh sterben, Alter“

Also versuchen Vucic und ihre Kollegen, die ärgsten Defizite anzugehen. Praktische Projektarbeit in eigenen Werkstätten soll den Jugendlichen helfen, ihre Stärken und Interessen zu erkennen – beim Sägen des Holz-Elefanten zum Beispiel, beim Bearbeiten von Metall oder beim Kochen in der Hauswirtschaftsgruppe. Sind die Talente gefunden, geht es auf die Suche nach geeigneten Praktikumsplätzen.

Viel zu häufig müssen die Schulabgänger erst einmal an so etwas wie einen geregelten Tagesablauf gewöhnt werden. „Viele haben das nie gelernt“, berichtet Vucic. „Die haben Fehlzeiten in der Schule angehäuft, da schlackert man mit den Ohren.“

Das gilt auch für Mandy. Auf der Hauptschule kam sie eines Tages nicht mehr klar, aus  Schulhof-Zickereien wurden  Schläge, eingesteckt wie ausgeteilt. Immer öfter schwänzte sie, die einst passablen Noten fielen ins Bodenlose.

Der Klassenlehrer redete ihr ins Gewissen: „Reiß dich am Riemen, denk an deine Zukunft!“ Sie blaffte damals bloß zurück: „Geh sterben, Alter.“ Und ging von da an gar nicht mehr zur Schule.

Eine folgenschwere Entscheidung. Der Hauptschul-Abschluss nach Klasse 10, Voraussetzung für die Friseur-Lehre, war nur noch Utopie.

„Dabei hat sie das Potenzial“, glaubt Vucic. Neben der Holz-Arbeit soll sie deshalb gezielt darauf vorbereitet werden, ihren Abschluss doch noch nachzuholen. Für den Fall, dass sie das schafft, hat ein Friseursalon der 17-Jährigen eine Lehrstelle in Aussicht gestellt. „Und ich pack das“, sagt Mandy.

Ein wenig anschieben

Für Vucic und Kollegen wäre das der seltene Optimalfall. Von den 24 Teilnehmern des letzten Jahres fand einer eine betriebliche Lehrstelle.  Die restliche Bilanz: Drei begannen eine außerbetriebliche Ausbildung, sechs holten den Hauptschul-Abschluss nach, vier arbeiten als Hilfskräfte, sieben stecken in der nächsten berufsvorbereitenden Maßnahme. Drei, sagt Vucic, „verblieben unbekannt“.

Mehr ist nicht drin. „Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn wir die Jugendlichen ein bisschen anschieben können.“

Das wird wohl auch bei der 16-jährigen Nadja nötig sein. Mit gefalteten Händen sitzt sie vor dem Betreuer-Team und lässt die Verkündung ihrer Testergebnisse über sich ergehen. Bäckerin will sie mal werden, trotz Matheschwäche und schlechtem Deutsch.

„Du musst an dir arbeiten, das Einmaleins lernen. Dringend!“, hämmert Hauslehrer Jörg Böhm ihr ein. „Ja“, flüstert Nadja. Nach 20 Minuten ist die Prozedur vorbei, Nadja will versuchen, einen Praktikumsplatz zu finden. Ein Anfang. Wieder einer!

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