High-Tech

Die Kraft der acht Spulen


In Wuppertal wird ein ganz besonderer Motor gebaut – für eine Küchenmaschine

Eine stabile Dachlatte in eine laufende Küchenmaschine stecken? Seltsame Idee. Wer sollte so etwas tun – und warum? Die Antwort: Wuppertaler Motoren-Entwickler  – um zu sehen, ob ihr Gerät diesen Härtetest übersteht. „Ich muss den Motor brutal anhalten  können,  das  muss  er  aushalten“, sagt Michael Wiss­mann, Chef der Vorwerk Elektrowerke.

Denn harte Brocken werden dem Motor, um den es hier geht, auch in der Praxis vorgeworfen: Kochschokolade zum Beispiel oder Eis, je nach Rezept. Aber der Motor ist nicht etwa nur robust, wie Wissmann stolz erklärt: „Der Rotor wird vollelektronisch angesteuert, er kann von nur 40 bis zu mehr als 10.000 Umdrehungen pro Minute leisten – und das immer mit einem Wirkungsgrad von 80 Prozent.“

Zudem lässt sich im Handumdrehen zwischen Rechts- und Linkslauf wechseln: Wo zunächst ein scharfes Messer rasant die Zutaten zerteilt, rührt nach dem Umschalten in die andere Richtung die stumpfe Messer-Rückseite gemütlich um.

Weltweit mehr Umsatz

Das einzige Gerät, in dem dieser besondere Motor steckt, heißt „Thermomix“. Es kann (unter anderem) schneiden, hacken, mixen, schroten und pulverisieren. Es kann außerdem wiegen – und vor allem kann es: kochen. Alles in nur einem Topf, der es ebenfalls in sich hat: Das Gefäß ist spülmaschinentauglich, was man angesichts der Heizkontakte im Topfboden nicht vermuten würde.

Die aktuelle Variante dieser Vorwerk-Küchenmaschine ist denn auch Ergebnis anhaltender Entwicklungsarbeit: Im Firmenmuseum ist zu verfolgen, wie aus einem schlichten Heizmixer im Lauf von vier Jahrzehnten ein Hightech-Gerät geworden ist. Heute kos­tet es knapp 1.000 Euro.

Trotz des stolzen Preises verkauft sich der Thermomix per Direktvertrieb wie geschnitten Brot. 2008 wuchs das Geschäft dieses Vorwerk-Bereichs um 17 Prozent auf knapp 400 Millionen Euro. Der Deutschland-Umsatz legte sogar um 60 Prozent zu – 68.000 Exemplare konnte Vorwerk allein hierzulande verkaufen.

Dieses Jahr soll der Absatz nach Firmenangaben trotz der Krise weiter wachsen, nicht nur bei uns: Weltweit sind knapp 430.000 Stück angepeilt. Reichlich Arbeit also für die einzige Motoren-Fertigung des Unternehmens im Wuppertaler Stadt­teil Laaken.

Hier arbeiten unter anderem Torsten Balk und Waltraud Kortum. Gerade beladen sie Werkstück-Träger mit einzelnen Motor-Teilen: klassische Handarbeit. Nur ein paar Meter weiter stehen dann Anlagen, die die acht Spulen des so genannten Stators vollautomatisch mit Kupferdraht umwickeln – das dauert weniger als eine Minute pro Motor.

Grenzen der Automatisierung

Ein eigenartiges Nebeneinander. Müssen Balk und seine Kollegen wegen der Roboter-Konkurrenz um ihre Jobs fürchten? Firmenchef Wissmann, selbst Ingenieur, winkt ab. „Eine weitere Automatisierung hätte keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr“, sagt er. Und er zeigt auf die Draht-Wickel-Maschinen: „Das sind Einzelstücke, eine solche Anlage kostet 420.000 Euro.“

Die fertigen Motoren landen dann alle bei einer Vorwerk-Gesellschaft in Frankreich: Dort werden sie in die Geräte eingebaut. Unter dem Strich sichert allein die Thermomix-Fertigung etwa 210 Stellen in den europäischen Hochlohnländern.

Thomas Hofinger

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