Berufseinstieg mit Handicap

Die Kautschuk-Firma Horst integriert Menschen mit ungeraden Lebensläufen

Gelnhausen. Nach bestandenem Abitur fiel Janis Blechert in ein Loch – ohne Antrieb, ohne Ziel, ohne Selbstvertrauen. Heute hat der 28-Jährige den Weg in ein normales Leben gefunden. „Die Firma Gebr. Horst ist wie eine große Familie“, sagt er. „Das gefällt mir sehr.“

Die Rede ist vom Kautschuk-Unternehmen Gebr. Horst in Gelnhausen (Hessen). Dort absolviert Blechert ein sechsmonatiges Praktikum – im Rahmen einer Lehre zum Bürokaufmann. „Wir sind von Herrn Blechert begeistert“, sagt Firmenchef Michael Horst.

Ein etablierter Industriezulieferer

Ausbildungsträger ist die Gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung (AQA) im Main-Kinzig-Kreis. Sie kümmert sich darum, Menschen mit Handicap in die Arbeitswelt zu bringen.

Immer montags und donnerstags hat Janis Blechert Berufsschulunterricht. Das Erfolgsgeheimnis seiner Integration lautet: Selbstvertrauen! Bei der Firma Horst konnte er seine große Leidenschaft für den Computer endlich nicht mehr nur mit Videospielen befriedigen. Er schrieb ein Programm, das in der Verwaltung zur Freude der Kollegen für eine deutliche Arbeitserleichterung sorgt. „Mir war aufgefallen, dass einige stupide Kontrollaufgaben zeitaufwendig waren“, erzählt er.

Mit einem Prototyp zeigte er, dass sein Konzept funktioniert – und bekam vom Firmenchef grünes Licht zur Umsetzung. Nun übernimmt der Computer die nervigen Arbeiten. „Es war viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt“, sagt der Auszubildende. „Ich bin stolz, dass ich den Mut hatte, Initiative zu ergreifen.“

Seit über 80 Jahren fertigt die Gebr. Horst GmbH & Co. KG technische Gummiartikel. Erst waren es Radiergummis. Heute sind die Auto- und die Zuliefer-Industrie Hauptkunden. Auch die Elektro- und Sanitär-Industrie oder der Technische Fachhandel bestellen. Und dabei ist Horst nicht nur Zulieferer vom Zulieferer, sondern auch direkter Partner zum Beispiel der Autohersteller. Tüllen, Puffer, Schläuche – viele kleine, aber oftmals unentbehrliche Teile.

Das Prinzip des Förderns und Forderns

Mit Mitarbeitern, deren Lebensweg nicht immer nach Plan lief, hat die Firma Gebr. Horst gute Erfahrungen gemacht. 5 der 49 Mitarbeiter fanden hier nach einer Integrationsmaßnahme eine Festanstellung. Firmenchef Horst sieht einen Grund für eine erfolgreiche Integration auch in der kompetenten Vermittlung durch das örtliche „Kommunale Center für Arbeit“ und die AQA: „Dort hat man ein Gespür, wer zu wem passt.“

Wichtig, ergänzt AQA-Sozialpädagogin Christiane Jacobs, sei das Prinzip des Förderns und Forderns. Man müsse langzeitarbeitslose Menschen und benachteiligte Jugendliche in die Lage versetzen, durch Qualifizierung den Einstieg ins aktive Erwerbsleben zu schaffen. „Janis Blechert ist das beste Beispiel dafür, dass ein krummer Lebenslauf auch Chancen eröffnet.“

Blechert selbst resümiert für sich (und vor allem für seine Schicksalsgenossen): „Wenn man verlernt hat, Chancen zu ergreifen, muss man es wieder lernen. Ich habe das Glück, Menschen zu treffen, die von meinen Fähigkeiten überzeugt sind.“


Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang