All-Auftrag

Die Himmelsstürmer von der Weser


Bei EADS Astrium entsteht die Oberstufe der europäischen Trägerrakete Ariane 5

Bremen. Kittel anziehen, Haare unter einer Haube verbergen und Schuhe in spezielle Überzieher stecken – diese Prozedur vollziehen der 57-jährige technische Betriebswirt Wolfgang Scholz und seine 38 Mitarbeiter täglich.

Die besonderen Arbeitsbedingungen haben ihren Grund: Scholz’ Truppe baut die Oberstufen der europäischen Trägerrakete Ariane 5 zusammen. „Wenn die erst mal fliegt, kann niemand mehr eingreifen – deshalb muss bei der Produktion alles stimmen“, erklärt Scholz. Schon kleinste Staubpartikel könnten im Weltall zu erheblichen Störungen führen. Deshalb arbeiten Mechatroniker, Fluggerätemechaniker und Elektriker im Reinraum – hier in der „In­tegrationshalle“ von EADS Astrium in Bremen.

Jahresproduktion: Acht Stück

Fast permanent fährt einer der Mitarbeiter mit einer Bodenwischmaschine durch die Halle. Seine Kollegen sind an vier Montageständen be­schäftigt. In den riesigen Gestellen sind die Oberstufen eingehängt – jede von ihnen acht Meter hoch und fünfeinhalb Meter im Durchmesser. „Wir benötigen für eine Oberstufe rund vier Monate“, berichtet Scholz. Die Jahresproduktion liegt derzeit bei acht Stück.

Insgesamt ist fast die Hälfte der Bremer Astrium-Belegschaft (450 Mitarbeiter) mit Entwicklung, Engineering, Bau und Vermarktung der Oberstufe beschäftigt. Ihr Zusammenbau ist ein logistisches Meisterstück. Rund 25.000 Einzelteile von mehreren Hundert genauestens ausgewählten Zuliefer-Firmen müssen kontrolliert, dokumentiert und zusammengefügt werden.

In Bremen angekommen, werden alle Teile penibel überprüft und dokumentiert. Über eine Luftschleuse gelangen sie in die Integrationshalle. Hier werden sie nochmals kontrolliert, alle Rohre und Leitungen werden von innen betrachtet, um Verunreinigungen auszuschließen.

Die Oberstufe trägt nicht nur die Nutzlast von maximal zehn Tonnen. Sie enthält auch das elektronische „Ge­hirn“ der Rakete, das ihre Flugbahn steuert. Den größten Raum nehmen die Tanks für tiefkalten Flüssigsauerstoff und -wasserstoff ein. Die Treibstoffe werden in einem Spezialtriebwerk gezündet und entwickeln eine Schubkraft von 65 „Kilo-Newton“. Das entspricht ungefähr 180.000 PS.

Beim Start geht es noch fulminanter zu: Zwei „Feststoff-Booster“ entwickeln nach ihrer Zündung kurzfristig sogar eine Kraft von insgesamt 13 Millionen Pferdestärken – und zu­sätzlich schiebt der Antrieb der Zentralstufe mit weiteren vier Millionen PS.

Nach rund 65 Kilometern (rund zwei Minuten und 20 Sekunden) werden die ausgebrannten Booster abgetrennt. Das Haupttriebwerk sorgt jetzt dafür, dass die Rakete noch 20 Minuten weiterfliegt. In rund 200 Kilometern Höhe hat auch diese Stufe ihre Schuldigkeit getan. Erst dann ist die in Bremen gebaute Oberstufe dran. Sie bringt die Nutzlasten, also Satelliten, in ihre geplanten Umlaufbahnen.

Beim Start herrscht Lampenfieber

„Das Tolle ist, dass sie mehrere Satelliten an verschiedenen Punkten aussetzen kann“, berichtet Scholz. Nach der erfüllten Mission stürzt sie in Richtung Erde zurück und verglüht beim Eintritt in die Atmosphäre. Seit 1996 fliegt die Ariane 5 – mehr als 40 Starts hat sie bereits absolviert.

Zwar befällt Scholz noch immer ein leichtes Lampenfieber, wenn ein neuer Start ansteht. Aber er bleibt gelassen. „Eingreifen kann man dann eh nicht mehr. Wir müssen im Vorfeld alles dafür tun, dass die Rakete ihre Mission erfüllt.“ 

Lothar Steckel

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