Mittelstand

Die Heimat der heimlichen Stars


Unterfranken baut Wälzlager für die ganze Welt. Und hat noch mehr zu bieten!

Würzburg/Schweinfurt. Es ist ein epochales Ereignis für die Menschheit: In Kürze werden Wissenschaftler den „Urknall“, mit dem vor 14 Milliarden Jahren die Welt entstanden ist, noch einmal in einem Experiment ablaufen lassen. Und in Würzburg wird man an diesem Tag mächtig stolz sein.

Der Versuch läuft zwar in Mini-Form ab, ist aber nicht wirklich klein: In einem 27 Kilometer langen Tunnel werden im Genfer Forschungszentrum CERN zwei Atomkerne fast auf Lichtgeschwindigkeit gebracht – unter anderem durch 400 Riesenmagneten von Babcock Noell.

Der Würzburger Spezialist für Magnet-, Nuklear- und Umwelttechnik ist einer der heimlichen Stars der Region Unterfranken, bei der viele nur an ein Produkt denken: Kugellager. Im Jahre 1883 erfand Friedrich Fischer in Schweinfurt die Kugelschleifmaschine, heute sind die hier ansässigen Wälzlager-Hersteller Schaeffler (früher „FAG Kugelfischer“, 5.500 Mitarbeiter) und SKF („Svenska Kugellagerfabriken“, 2.000 Mitarbeiter) mit großem Abstand Weltmarktführer. Selbst im fernen Peking, wo derzeit das weltgrößte Riesenrad entsteht, setzt man auf die Lager von hier.

Technik für die Energie der Zukunft

Mit dieser einzigartigen Stärke war Unterfranken von jeher Anziehungspunkt für Unternehmen, die dann ihrerseits weltweit erfolgreich wurden. Etwa in Schweinfurt die Autozulieferer ZF Sachs (8.400 Mitarbeiter) und Bosch Rexroth (2.600 Mitarbeiter). Oder eben Babcock Noell in Würzburg. Die Firma liefert übrigens auch Technik für die Erforschung der Kernfusion, die viele Experten für die ideale Energieform der Zukunft halten. Etwa für die international viel beachteten Forschungsreaktoren „Wendelstein 7-X“ in Greifswald und „Iter“ im französischen Cadarache.

Ein echter „Edelstein“ der Region ist auch Koenig & Bauer (KBA), die älteste Druckmaschinenfabrik der Welt. Im Jahre 1810 lässt sich der Bauernsohn und Drucker Friedrich Koenig die erste mechanische Druckmaschine patentieren. Sieben Jahre später richtet er mit dem  Techniker  Andreas Bauer im Kloster Oberzell die erste Fabrik ein, die noch heute der Hauptsitz der Firma ist.

Rund 2.000 Mitarbeiter produzieren hier zum Beispiel die „Cortina“. Sie gilt als derzeit innovativste Maschine für den Zeitungsdruck. Jede dritte Zeitung, die auf der Welt gelesen wird, wird auf KBA-Maschinen gedruckt – von der „Main-Post“ über die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bis zum französischen „Le Figaro“.

Ingenieure kennen alle Tricks

Auch die meisten Geldscheine rund um den Globus entstehen auf Anlagen von Koenig & Bauer. Die Ingenieure des Unternehmens beherrschen die anspruchsvollsten Techniken, von denen Geldfälscher nur träumen können: Silberstreifen, Wasserzeichen, Hologramme,  geheime Zeichen und, und, und.

KBA unterrichtet 120 Auszubildende in einer eigens eingerichteten Werkberufsschule. Sie wurde vor 140 Jahren gegründet, ist damit die älteste Berufsschule in Deutschland – und die einzige, die von einem Industrieunternehmen betrieben wird.

„Lehrer und Meister halten engen Kontakt“, berichtet Schulleiter Reinhard Munz. Die Theorie aus der Schule, etwa Qualitätsmanagement, wird in der Produktion vor Ort praktisch illustriert. „Dabei ist unser Unterricht in allen Fächern auf Koenig & Bauer ausgerichtet“, betont Munz. So geht es im Fach Religion um das Verständnis für andere Kulturen – damit sich die Schüler später bei Einsätzen in nicht-christlichen Ländern angemessen verhalten können.

Der Zukunft kann man also zuversichtlich entgegengehen – ebenso wie bei den vielen anderen heimlichen Stars der Region Unterfranken: zum Beispiel beim Schmiersysteme-Hersteller perma-tec aus Euerdorf oder beim Fahrradnaben-Produzenten SRAM in Schweinfurt (siehe Beiträge unten).

Seit die Wirtschaft wieder brummt, stellen die Betriebe verstärkt ein. Auch Azubis. So meldet die Industrie- und Handelskammer Schweinfurt für dieses Jahr den höchsten Lehrstellen-Zuwachs in ganz Bayern.

Matthias Nauerth

 

Es läuft wie geschmiert

perma-tec: 80 Prozent Anteil am Weltmarkt

Euerdorf. Umweltschutz wird bei perma-tec großgeschrieben. Deshalb forscht der Hersteller von automatischen Schmiersystemen nordwestlich von Schweinfurt in einem Langzeitversuch, wie batteriegetriebene Schmiersysteme alternativ mit Solarzellen angetrieben werden können.

Die Produkte garantieren für reibungslose Prozess-Sicherheit eine genau dosierte Schmierung von Maschinen- und Anlagenteile wie Wälzlager, Motoren oder Pumpen. Früher wurde hier mit der Handfettpresse geschmiert, teilweise unter erheblichem Zeitaufwand und Unfallrisiko.

1964 entwickelte der Metallwarenfabrikant Gebhard Satzinger das weltweit erste automatische Einzelpunktschmiersystem „perma CLASSIC“ für Metallpressen in der eigenen Dosenfabrikation.

Heute ist perma-tec ein echter „Hidden Champion“: Über 80 Prozent der weltweit eingesetzten Einzelpunktschmiersysteme kommen aus Euerdorf. Geschäftsführer Peter Mayr ist stolz: „Als Weltmarktführer liefern wir an alle führenden Unternehmen der Wälz- und Schmierstoffindustrie.“

Ein globales Netz von Niederlassungen und Händlern betreut die Kunden. Der Umsatz wurde so in den letzten fünf Jahren von 30 auf knapp 50 Millionen Euro gesteigert, auch künftig rechnet man mit überproportionalem Wachstum.

Großes Potenzial bieten hierfür vor allem die großen Minen in Australien und China: Hier werdenFördersysteme und Pumpen mit perma-Systemen geschmiert.

MN

 

Gut geschaltet

SRAM: Hochmoderne Fabrik für Fahrradnaben

Schweinfurt. SRAM, 1987 in Chicago gegründet, ist heute nach Shimano zweitgrößter Fahrradkomponenten-Hersteller der Welt und hat die nach eigenen Angaben „modernste Fabrik für Fahrrad-Getriebenaben“ in Schweinfurt. „Die große Erfahrung kommt von der Übernahme des Fahrradbereichs der Mannesmann Sachs AG vor elf Jahren“, erklärt Geschäftsführer Werner Pickel.

Ernst Sachs produzierte 1904 die erste Fahrrad-Nabenschaltung. Sie ist in modernster Technik als „Torpedo Drei-Gang-Schaltung“ noch immer ein Klassiker.

SRAM entwickelte diese Schaltung weiter und bietet seit zwei Jahren als einziger die Neun-Gang-Nabe „i-Motion“ an. Der Clou ist der „Dual Drive Antrieb“, eine Kombination aus Naben- und Kettenschaltung. Über die noch geheime Entwicklung verrät Pickel: „Die Mountainbiker werden damit mehr Spaß im Gelände haben.“

MN

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