Unternehmen

Die Familien-Manager


Der Gründer führt mit sechs Kindern die Berger-Gruppe

Memmingen. Wenn Alois Berger durch die Produktionshallen seiner Memminger Unternehmenszentrale läuft, kann es auch mal länger dauern. Hier ein Gruß, dort ein Handschlag, da ein freundliches Wort.

Und so mancher Mitarbeiter kann erst zurück an die Maschine, nachdem er dem 77-jährigen Firmengründer das Neueste von seinen Kindern berichtet hat.

Der Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Berger Holding – eines großen Automobil-Zulieferers – tritt bei diesen Begegnungen nicht als Chef von weltweit 1800 Menschen auf. Er wirkt eher wie ein netter Verwandter. Und wenn Alois Berger sagt: „Das sind meine Leute“, dann klingt das so gar nicht geschäftlich, sondern eher väterlich. Und ein wenig stolz.

Das letzte Wort hat der Vater

Ein familiärer Umgangston zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern: Das gibt es an vielen Arbeitsplätzen. Aber Berger ist ein Familienbetrieb der besonderen Art. Denn sechs der sieben Kinder des Gründers arbeiten an wichtigen Positionen im Unternehmen mit.

Die zweitälteste Tochter etwa, Karin, leitet das Stammwerk der Unternehmensgruppe in Ottobeuren.

Peter, das dritte Kind, kümmert sich um die Kalkulation der Preise für die gesamte Holding.

Der Vierte, Oswald, ist Chef in Memmingen, Marianne organisiert das Marketing und Christian ist Geschäftsführer des Werks in Kaufbeuren sowie der Standorte in Polen und in der Schweiz.

Alexander, der jüngste Sohn, leitet die beiden Werke in Kanada und den USA.

Das letzte Wort bei allen strategischen Entscheidungen der Unternehmensgruppe hat jedoch immer noch der Vater. „Zu 99 Prozent wird aber ohnehin einstimmig entschieden“, sagt der Patriarch.

Und er stellt die Weichen für die Zukunft: Fast zwei Drittel der Firma hat Berger bereits an seine Kinder abgetreten. Alle besitzen die gleichen Anteile, nachdem die Älteren aus eigenem Antrieb Eigentumsrechte an die später Geborenen abgetreten haben.

An einem Strang zu ziehen, ist in der Familie oberstes Gebot. Und daran orientiert sich auch das Leitbild des Unternehmens. Berger setzt auf das Vertrauen, das Generationen von Mitarbeitern in ihn setzen: „Es gibt Familien, da ist der Vater beim Berger, der Sohn beim Berger und auch der Enkel.“

Rasanter Aufstieg nach dem Krieg

Der Firmengründer weiß um seine Verantwortung: Dass er 2009 nach 53 Jahren erstmalig kurzarbeiten lassen musste, macht ihm deshalb immer noch zu schaffen. „Das war eine persönliche Niederlage, aber es ging nicht anders“, gesteht er.

Die Rolle des Unternehmers wurde dem Mann aus einfachen Verhältnissen nicht in die Wiege gelegt. Im Alter von 13 Jahren kam er 1946 mit seiner Familie als Vertriebener aus dem Böhmerwald ins Allgäu. Nach Volksschule und Lehre in einer Schrauben fabrik gründete Berger 1955 in Ottobeuren seine eigene Firma – aus dem Nichts.

Heute liefert seine Unternehmensgruppe kleine und kleinste Dreh-, Fräs- und Schleifteile in die gesamte Welt. Für 2010 wird ein Umsatz von 200 Millionen Euro angepeilt. Größter Abnehmer ist mit Abstand die Automobil-Industrie. Der Exportanteil der Berger Holding liegt bei rund 50 Prozent.

Mehrheitlich produziert wird an fünf heimischen Standorten nahe den Allgäuer Alpen: Memmingen, Ottobeuren, Wertach, Ummendorf und Kaufbeuren. Berger setzt auf Qualität aus Deutschland – vor allem wegen der guten Ausbildung der Fachkräfte.

Das erste ausländische Werk gründete der Unternehmer dennoch bereits 1979 in Kanada. Für die Suche nach einem Standbein außerhalb der Bundesrepublik hatte Berger aber ein ganz persönliches Motiv: „Wirst du einmal vertrieben, hast du immer Angst, dass es sich wiederholt. Ich brauchte die Sicherheit, dass ich jederzeit flüchten kann.“

Nur die Älteste geht ihren eigenen Weg

Heute ist das Allgäu der unumstrittene Lebensmittelpunkt. So kommt jedes Jahr an Weihnachten die gesamte Familie im Ottobeurer Elternhaus zusammen: die Eltern, sieben Kinder mit Partner und mittlerweile elf Enkel.

Auch Tochter Gerlinde, als einziges Kind nicht im Unternehmen des Vaters beschäftigt, ist dann dabei. Die Älteste arbeitet als Silberschmiedin. Das sei ja „auch etwas mit Metall“, wie ihr Vater mit einem Lächeln sagt.

Er sorgt übrigens auch dafür, dass während solcher eigentlich privater Treffen das Geschäftliche nicht zu kurz kommt – obwohl die Kinder sich durchaus mehr Abstand wünschen würden. „Aber der Vater kann das

einfach nicht“, sagt Tochter Marianne verständnisvoll. „Er lebt eben für seine Firma.“

Michael Stark

Info: Familienunternehmen in Deutschland

Als Familienunternehmen werden Firmen bezeichnet, die von ihren Eigentümern geführt werden oder in denen Familien zumindest maßgeblichen Einfluss ausüben.

Laut Schätzung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) gibt es in Deutschland mehr als 2,6 Millionen solcher Familienunternehmen

– 93 Prozent aller Firmen.

Für sie arbeiten 14,3 Millionen Menschen, das sind 54 Prozent aller Beschäftigten.

Familienunternehmen erwirtschaften rund die Hälfte des Umsatzes aller Firmen in Deutschland.

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