Bildung

Deutschlands stärkste Schule


Bessere Bildung? Das geht! Aber lesen sie selbst …

Neustadt am Rübenberge. Felix Brakhage hat es schwarz auf weiß: Der Zehntklässler fängt im Sommer seine Lehre als Kfz-Mechatroniker bei VW an. Aber bohren, fräsen und verkabeln, Material berechnen, Kundengespräche führen – all das kann er schon längst.

Denn neben dem normalen Unterricht lernt er zweimal wöchentlich an der Berufsschule. „Neustädter Modell“ nennt sich das. Alle Hauptschüler der Kooperativen Gesamtschule in Neustadt am Rübenberge (bei Hannover) haben in der 9. und 10. Klasse Praxisstunden. Das Zeugnis stellen am Ende beide Schulen gemeinsam aus. Und: Der Abschluss kann vom Betrieb als erstes Ausbildungsjahr anerkannt werden.

Platz für Praxis freigeräumt

Das Neustädter Modell ist derart einmalig, dass Bundespräsident Horst Köhler die Schule am 5. Mai mit dem Preis „Starke Schulen“ auszeichnete: Ihr gelingt es am besten, Hauptschüler „zur Ausbildungsreife zu führen“. Sie schlug 600 Mitbewerber aus dem Feld. Und erhält nun 15.000 Euro.

Vergeben wurde der Preis von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Bundesagentur für Arbeit, der Deutsche Bank Stiftung und vom Arbeitgeber-Dachverband BDA.

Vor fünf Jahren noch hatte die jetzt gekürte Schule einen miserablen Ruf: Jeder fünfte Hauptschüler brach ab, vom Rest bekam nur jeder Siebte einen Ausbildungsplatz. Doch dann schuf man den Verbund mit der Berufsschule. Man legte Fächer zusammen, strich sogar welche, um Platz für Praxis freizuräumen.

Unterrichtet wird täglich von acht bis halb vier. Die Verzahnung beschreibt die Lehrerin Martina Klemke, die an beiden Schulen unterrichtet: „Wenn ich hier im Fach Körperpflege die Struktur von Haut und Haaren durchnehme, kann ich dort den gleichen Stoff in der Biologie aufgreifen.“

Jungs wie Sahar Osso blühen auf: „Hier kann ich endlich was mit den Händen machen“, sagt er und rollt den Teig für einen Hochzeitskranz aus. Seine geschickten Hände zählen plötzlich: Diese Erfahrung hat auch seine Noten in Mathe und Deutsch hochgepuscht.

Null Toleranz beim Thema Disziplin

Die Schüler sind motivierter als früher, findet der stellvertretende Berufsschul-Leiter Fritz Michler: „Sie fühlen sich nicht mehr als Rest der Nation. Sie können was und zeigen es.“

Ganz wichtig: Null Toleranz beim Thema Disziplin. Unterricht gestört? Ab in den „Trainingsraum“ mit dem Schulpsychologen! Eine Coladose neben die Mülltonne geworfen? Putzdienst! Grafitti gesprüht? Reinigen oder zahlen! Und: „Wenn ich eine Klasse übernehme, besuche ich alle Familien“, sagt Lehrerin Klemke.

Heute gibt es hier keine Schulabbrecher mehr – und über 70 Prozent finden eine Lehrstelle. Die Schule kann sich vor Anmeldungen kaum retten. Trotz der strikten Regeln. Oder gerade deshalb?

Alarmierende Fakten

  • Jahr für Jahr gehen in Deutschland 80.000 Schüler ohne Abschluss von der Schule.lNach
  • Einschätzung der Wirtschaft ist jeder vierte Jugendliche nicht ausbildungsfähig.
  • Nur 30 Prozent der Hauptschüler bekommen nach dem Abschluss sofort eine Lehrstelle, auch 30 Monate nach Schul-Ende sind 40 Prozent noch ohne Vertrag.
  • Jährlich wendet die Bundesagentur für Arbeit rund 4 Milliarden Euro für „Berufsvorbereitungskurse“ auf.

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Schlagwörter: Ausbildung

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