Spielzeug

Der Traum großer Kinder


Der weltweit größte Hersteller von Dampfmaschinen-Modellen produziert im Sauerland

Lüdenscheid. Ernst Kaschke spielt mit dem Feuer. Das ist sein Job. Der „Erich-Schumm-Brennstoff-in-Tablettenform“, kurz „Esbit“, brennt unterm Kessel, in dem bald Wasser brodelt. Dampf schießt zu den Kolben, die ein Schwungrad antreiben. Feuer, Wasserdampf und Öl ergeben einen Geruch, der einen in die Kindheit zurückversetzt ...

Willkommen  in  der  weltweit größten Fabrik für Mini-Dampfmaschinen! Sie steht im Sauerland. Es ist die Metallwarenfabrik Wilhelm Schröder. Der Markenname: „Wilesco“.

Alte Schätzchen werden wieder fit

Kaschke, der Mann mit dem Feuer, ist gerade dabei, ein Schätzchen wieder ans Laufen zu bringen, das er zuvor repariert hat. Der Mann hat Spaß am Job – mit 82 Jahren! „Die schönste Freizeitbeschäftigung der Welt“, so nennt er seine Arbeit. Die Firma baut nämlich nicht nur neue Dampfrösser, sondern macht auch alte wieder fit, die nach jahrzehntelangem Einsatz irgendwo auf der Welt nicht mehr funktionieren.

30.000 bis 50.000 der nostalgischen Spielzeuge verlassen pro Jahr den 50-Mann-Familienbetrieb. Er hat fast ein Monopol: Es gibt weltweit nur noch drei Konkurrenten – und die sind alle kleiner. Firmenchef Thomas Schröder (53) erklärt den Erfolg so: „Wir haben treue Stammkunden – und wir haben noch nie jemanden durch fehlerhafte Produkte verprellt.“

Aber wer kauft die Dinger? „Wir machen Spielzeug für Kinder über 40“, sagt Schröder. „Und die sind äußerst pingelig.“ Schließlich geben sie bis zu 600 Euro aus für eine dampfende Walze, eine Lok oder eine Antriebsmaschine.

Diese seltenen Schätzchen entstehen in Handarbeit: Gut 800 Arbeitsschritte sind nötig, um Hunderte von Einzelteilen herzustellen und sie zu einem mechanischen Kleinod zusammenzufügen. Es können vier Jahre vergehen, bis ein neuer Kollege eingearbeitet ist!

Kein Wunder also, dass Firmenchef Schröder Wert auf dauerhafte Arbeitsverhältnisse legt: „Alle Mitarbeiter sind mindestens seit zehn Jahren dabei.“ Wo es auf jedes Details ankommt, ist Hektik fehl am Platz: In aller Ruhe lötet Elvira Romanov (54) den Flansch für ein Schauglas an den Dampfkessel, durch das man dann später beim Spielen den Wasserstand beobachten kann.

Während Rudolf Riess (60) eine Dampfwalze der Endkontrolle unterzieht. Er verrät sogar, wie Wilesco fertige Maschinen testet: Da man nicht jede Einzelne aufwendig unter Feuer setzen will, ersetzt Pressluft den Wasserdampf.

Großauftrag aus Japan

Aber was passiert, wenn die Generation der „Kinder über 40“ ausstirbt, von der Wilesco heute so gut lebt? Der Nachwuchs kann mit den historischen Spielzeugen ja kaum noch etwas anfangen.

Deshalb geht die Firma mit Volldampf neue Märkte an. Zunehmend sind ihre Produkte als Werbegeschenk gefragt. Und jüngst kam ein Großauftrag aus Japan: Für den Physik-Unterricht sollen 3.500 Dampfmaschinen geliefert werden – sie werden dann zu einem Lern-Erlebnis mit allen Sinnen.

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