Menschen

Der Straßen-Musiker


Manuel Reichle im Studio. Die Noten zeigen zwei von ihm erfundene Warngongs: wenn der Gurt nicht angelegt ist und wenn der Fahrer zu dicht auffährt. Fotos: Bodmer, Werk

Ton-Ingenieur Manuel Reichle komponiert für BMW

München. Wenn Manuel Reichle von seiner Arbeit erzählt, klingt das, als würde er von einem besonderen Konzert berichten: von einem „satten Plopp“ etwa, mit dem eine Autotür zufällt. Oder „giftigen Warntönen“, die losschrillen, wenn der Fahrer zu dicht am Vordermann dran ist. Oder dem „sanften Hochlauf eines Motors“. Wenn man Reichle zuhört, beginnt man zu ahnen: Für einen Toningenieur birgt ein Auto ein wahres Klang-Universum.

Dämpfen und verstärken

Der 38-Jährige gibt den Fahrzeugen von BMW Töne, vom Motor bis zum Blinker. Die Ergebnisse fließen an vielen Stellen in die Produktion ein. „Weich, rund, hochwertig soll ein 7er rüberkommen“, erzählt Reichle mit sanfter Stimme. „Dagegen ist ein Mini spritzig und frech, als wäre ein kleiner Teufel unter der Motorhaube.“

So prägen Töne den Charakter. In einigen Modellen ist derselbe Motortyp eingebaut – der aber jeweils anders klingt: „Das liegt unter anderem am Ansaugtrakt und Schalldämpfer des Motors“, erklärt Reichle. Durch diesen Hohlraum werden Luftströmungen auf unterschiedliche Weise geleitet: mal enger, mal weiter.

„Wir dämpfen an der einen Stelle und verstärken an der anderen – so kommt der Sechszylinder eines Roadsters Z4 ganz anders rüber als der gleiche Motor in einer 7er-Limousine“, sagt Reichle, der ein sogenanntes absolutes Gehör hat. So nennt man die Fähigkeit, jeden Ton exakt bestimmen zu können. Damit ein Kaufinteressent ein Auto „erhört“, sind Klänge und Geräusche entscheidend. „Erst durch sie gewinnt ein Fahrzeug an Dramaturgie – wie ein Kinofilm.“

Reichle muss es wissen. Der Schwabe war zuvor an der akustischen Untermalung von Leinwanderfolgen wie „Tomb Raider“ oder „Harry Potter und der Stein der Weisen“ beteiligt. „Eingehört“ hat er sich in die Klangwelt bei einem Radiosender im heimischen Waiblingen. Dort hat er Werbespots gesprochen und vertont. „Für ein Autohaus im Ort haben wir die Geräusche zum Teil noch selbst gemacht.“ Grinsend erinnert er sich ans Zuschlagen von Türen vor Mikrofonen.

Sound-Design und Psychologie

Heute erzeugen Reichle und seine Kollegen, darunter ein Psychologe, mit ausgeklügelten Tonreihen und „Katalogen“ von Hintergrundgeräuschen Klangprofile für die jeweiligen Modelle. Sound-Design, so der Fachbegriff, empfindet der Hobby-Schlagzeuger und Pianist als zulässigen Griff in die Trickkiste.

Das Röhren eines Motors etwa signalisiert Kraft und gibt dem Fahrer eine Vorstellung davon, was in dem Wagen steckt. Auch in unauffälligen Tönen ste­cken Kompositionen: Das schwungvoll sonore Klackern des Blinkers etwa liefert die Begleitmusik zum Abbiegen.

An Reichles Arbeitsplatz, einem nüchtern wirkenden Tonstudio, treffen Gefühle auf Analysen. „Wir stellen Testhörern Geräusche vor. Dabei zeichnen wir ihre Empfindungen auf und vergleichen sie mit Erfahrungswerten“, sagt er. Anhand der Ergebnisse wird die perfekte Tonkulisse gemischt und getestet.

Und was ist sein persönliches Lieblingsgeräusch? Ton-Ingenieur Reichle zögert keine Sekunde: „Das ist das herzhafte Lachen meiner kleinen Tochter.“

Eva Schröder

 

Meine Arbeit

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf? Ich habe schon früh mein feines  Gehör bemerkt. Und weil mein Vater Amateurfilmer war, habe ich bereits als Kind viel Hintergrundmusik ausprobiert. Was gefällt Ihnen besonders? Dass ich meine Arbeit später im Ergebnis auf der Straße vorbeifahren höre. Und dass unser Klang, so wie er ist, auch ein Grund ist, unsere Autos zu kaufen. Worauf kommt es an? Darauf, den Geschmack der Zielgruppen zu treffen. Nicht nur darauf zu achten, was einem selbst gefällt.

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