Themen-Special: Tarifrunde in Bayerns Metall- und Elektroindustrie

Der schwierige Kampf auf dem Weltmarkt – fünf Beispiele aus den Betrieben

Rosenheim/Illertissen/Schwabach/Wendelstein/Rott am Inn. Bayern als Impulsgeber – dieser Anspruch prägt derzeit die Umgestaltung der Kathrein-Gruppe, die mit insgesamt rund 7.000 Mitarbeitern Kommunikationstechnik produziert. Sie wertet den Stammsitz Rosenheim zum Technologie- und Innovationsstandort auf: Eine „Leitfabrik“ erprobt künftig neue Produkte und Fertigungsprozesse so weit, dass sie an die weltweiten Werke zur Serienproduktion übergeben werden können. Kathrein investiert unter anderem in ein neues Entwicklungs- und Testgebäude und hat bereits mehr als 150 hochqualifizierte Fachkräfte eingestellt.


Doch das Beispiel zeigt auch: Der jüngste Beschäftigungsaufbau in Bayerns Metall- und Elektroindustrie (M+E) ist kein Selbstläufer, es kann auch in die andere Richtung gehen. Denn parallel zur Aufwertung des Stammsitzes reagiert Kathrein auf den hohen Wettbewerbsdruck im Weltmarkt. Die Serienfertigung in Rosenheim wird eingestellt. Und auch das Werk im schwäbischen Nördlingen schließt. Insgesamt gehen mehrere Hundert Stellen verloren, man hat mit dem Betriebsrat eine sozialverträgliche Lösung erarbeitet.

Ein Aspekt bei dieser Entscheidung waren auch die Arbeitskosten. „Nördlingen war eines unserer modernsten Werke“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Anton Kathrein. In der Antennenfertigung habe man aber einen großen Anteil von manueller Arbeit. „Das ist mit den hohen Lohnkosten hierzulande nicht mehr zu machen.“

Produziert wird künftig nur noch in Mexiko, in Rumänien und in China. Kathrein steht in einem intensiven globalen Wettbewerb, so wie die allermeisten Firmen von M+E Bayern. Im Kampf um Aufträge und Marktanteile zählen innovative Lösungen und hohe Qualität – aber eben auch der Preis. Die Betriebe müssen auf jeden Euro achten.

Auch Weiss Kunststoffverarbeitung in Illertissen südlich von Ulm. Jürgen Weiß, der geschäftsführende Gesellschafter, sagt: „Deutschland ist einfach zu teuer geworden.“ Das Unternehmen produziert Spritzgussteile vor allem für die Auto-Industrie. Zwar lief es in den vergangenen Jahren am heimischen Standort durchaus gut: Trotz der hohen Arbeitskosten blieb die Größe der Belegschaft mit 175 Mitarbeitern immerhin konstant, dabei half ein kräftiger Umsatzanstieg um 60 Prozent.

Doch die Musik spielt vor allem im Ausland. In derselben Zeit nämlich kletterte der Umsatz im Werk Györ in Ungarn um 150 Prozent – und die Belegschaft wurde auf 90 Mitarbeiter verdoppelt. „Die Entwicklung dort ist deutlich dynamischer“, berichtet Firmenchef Weiß, „und das dürfte auch so bleiben.“ Wenn Kunden ein neues Produkt am Markt platzieren wollen, vergeben sie die entsprechenden Spritzguss-Aufträge fast nur noch an das deutlich günstigere Weiss-Werk in Györ. „Hätten wir diesen Standort nicht, wären von unseren Abnehmern schon einige abgesprungen“, so der Geschäftsführer.

„Den Kunden ist egal, wo produziert wird“

Zudem sieht Weiß in Ungarn noch einen weiteren großen Standortvorteil: den günstigen Strom. Er kostet dort nur ein Drittel so viel wie in Deutschland. „Günstige Arbeitskosten, preiswerte Energie – das ist in Bayern selbst mit Einsparungen und modernen Maschinen kaum noch aufzufangen.“

Die internationale Konkurrenz im Blick hat auch Ribe. Das Unternehmen mit Sitz in Schwabach bei Nürnberg beschäftigt insgesamt 1.360 Mitarbeiter. Drei Viertel des Umsatzes erzielt es mit Verbindungstechnik, vor allem hochfesten Spezialschrauben und Fügeelementen. Zudem produziert Ribe Anlagentechnik, Elektro-Armaturen und Technische Federn. Wichtigster Abnehmer ist mit zwei Dritteln Anteil die Auto-Industrie.

„Dort ist der Preisdruck besonders hoch“, sagt Frank Bergner, der geschäftsführende Gesellschafter. „Den Kunden ist es mittlerweile weitgehend egal, wo ihre Teile produziert werden.“ Aus Kostengründen errichtete Ribe bereits 1998 und 2000 zwei Standorte in der Slowakei mit jeweils gut 120 Mitarbeitern – zur Fertigung von Verbindungselementen sowie zur Wärme- und Oberflächenbehandlung. Das zahlt sich heute aus. Ohne diese Werke würde man viele Aufträge gar nicht mehr bekommen.

Zwar sei der Abstimmungsbedarf zwischen den deutschen und slowakischen Werken nicht zu unterschätzen, sagt Bergner. Denn: „Die Fertigung, Steuerung und Planung muss eng koordiniert werden. Und auch technische und qualitative Belange bedingen häufige gegenseitige Besuche.“ Doch der Aufwand lohne sich trotzdem: „Durch die viel niedrigeren Personalkosten.“

Die Arbeitsteilung mit den Auslandswerken (es gibt auch eins in China und eins in Malaysia) hat sich eingespielt. Vor diesem Hintergrund sieht Bergner mittelfristig keinen Grund, Arbeitsplätze von Schwabach zu verlagern. Er gibt allerdings zu bedenken: „Für den Fall, dass wir hier auf Dauer deutlich überzogene Tarifabschlüsse hätten, wäre das relativ einfach möglich. Der Standort Slowakei ist etabliert.“

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Aufträge wegbrechen“

Für manche andere Unternehmen ist der Schritt ins Ausland keine Option. Sie haben daher mit den hohen Produktionskosten hierzulande ein noch viel größeres Problem. Etwa Sill Optics, ein im mittelfränkischen Wendelstein beheimateter Hersteller von Präzisionslinsen unter anderem für den Maschinenbau und die Medizintechnik. „Wir halten das Know-how am Standort und produzieren deshalb nur hier“, so Geschäftsführer Christoph Sieber.

Der Mittelständler (knapp 200 Mitarbeiter) setzt auf Qualität sowie Technologieführerschaft – und er schützt sein Wissen: Mit vielen Kunden wurden Geheimhaltungsabkommen geschlossen. In Billiglohnländern wie China sei ja die Gefahr der Industriespionage zu groß, erklärt Sieber. Schon aus diesem Grund müsse die Fertigung im Inland bleiben, auch die einfachen Arbeiten. „Obwohl wir insbesondere bei den unteren Lohngruppen eigentlich nicht mit den Wettbewerbern in Asien und Osteuropa konkurrieren können.“

Sieber sieht die Zukunft durchaus kritisch: „Noch sind wir produktiver als andere und können die Kosten stemmen“, sagt er. Doch die Konkurrenz hole mit großen Schritten auf: „Die Kunden vergleichen unsere Angebote zunehmend mit denen aus dem billigeren Ausland. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Aufträge wegbrechen.“ Für den Geschäftsführer ist der einzige Weg, um künftig auch bei immer höheren Personalkosten konkurrenzfähig zu bleiben, die Automatisierung. „Auch wenn die natürlich zwangsläufig Arbeitsplätze kostet.“

Anderen Unternehmen bleibt selbst dieser Weg versperrt. Die Spezialprodukte von Alpenland Maschinenbau (Alpma) sind ganz individuell auf die Kunden zugeschnitten – und werden zum Großteil in Handarbeit montiert. 700 Beschäftigte entwickeln und produzieren im oberbayerischen Rott am Inn Anlagen zum Herstellen, Schneiden und Verpacken von Käse und anderen Lebensmitteln.

„Es wird beständig schwieriger“

Das Thema Kosten beschäftigt daher in diesen Wochen auch den Alpma-Geschäftsführer Frank Eberle in besonderem Maße: „Durch die hohen Tarifabschlüsse hatten wir in den letzten Jahren eine relativ hohe Steigerung in unserem wichtigsten Ausgabenblock – das wird uns irgendwann einholen.“ Zwar ist man offiziell nicht tarifgebunden, aber man richtet sich seit Jahren nach den Entgelttabellen von M+E.

Die Rechnung ist einfach für den Firmenchef: „Haben wir höhere Personalkosten, werden unsere Maschinen teurer. Und das verschlechtert unsere Position im Wettbewerb.“

Weil Eberle auch nicht an Verlagerung denkt („Die Spezialisten, die wir brauchen, finden wir nur hier“), bleibt ihm nur ein Weg: Steigen die Löhne, muss er versuchen, die höheren Kosten an die Kunden weiterzugeben. Bis zu einem gewissen Punkt gelingt das auch – denn noch hat Alpma dank der ausgefeilten Technik einen Vorteil im Markt. „Doch es wird beständig schwieriger. Werden wir zu teuer, schnappen uns ausländische Wettbewerber Aufträge weg. Und wenn Marktanteile erst mal verloren sind, ist es sehr schwer, sie wiederzubekommen.“

Noch gehe das Erfolgsrezept mit der Technologieführerschaft auf, sagt Eberle. Er hofft, dass er nicht irgendwann an den Kosten scheitert.

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Tarifrunde 2016 in Bayerns Metall- und Elektroindustrie: Jetzt geht es ums Entgelt für 810.000 Beschäftigte – und um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Warum es denen gar nicht so gut geht, wie viele denken, lesen Sie in diesem Themen-Special.

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