Ausbildung

Der Reparaturbetrieb


Wie gut ist das deutsche Übergangssystem?

Gießen. Es sah düster aus für ihn. Klar, er hatte sich beworben, gleich dutzendfach. Hatte gekämpft, gehofft, dass es vielleicht noch was werden würde mit der ersehnten Lehrstelle als Koch. Bis dann die letzte Absage kam. „Noch nicht ausbildungsfähig“, stand da drin. „Dann weiß man plötzlich, wie sich Angst anfühlt“, erinnert sich Marco D.* an diese dunklen Tage im August.

Jetzt, ein paar Wochen später, steht Marco D. in der Kantinen-Küche der „Jugendwerkstatt Gießen“ und legt fein säuberlich Gurkenscheiben auf weißes Porzellan. „Genau drei pro Teller, das muss so“, sagt Marco. Von der Trübsal des August ist wenig geblieben, „ich kann hier kochen, was lernen, das bringt mich weiter“, sagt der 16-Jährige.

Eine Woche zuvor hat er in der Jugendwerkstatt ein Berufsvorbereitungsjahr begonnen. Ziel der Maßnahme: Marco fit zu machen für den ersten Ausbildungsmarkt. Also bereitet er jetzt erst mal das Mittagessen für Jugendliche, die so sind wie er. Voller Hoffnung. Aber ohne Lehrstelle.

Der deutsche Ausbildungsmarkt – er mag einem dieser Tage vorkommen wie ein zweischneidiges Schwert. Zwar müssen Deutschlands Unternehmen einerseits aufgrund der weiter sinkenden Zahl von Schulabgängern immer heftiger um geeignete Auszubildende buhlen.

Schulschwänzer- und Drogenkarrieren

Andererseits aber befinden sich laut Nationalem Bildungsbericht derzeit etwa 400.000 junge Erwachsene im „Übergangssystem“: einem schwer überschaubaren Dickicht aus verschiedensten Maßnahmen, mit denen noch nicht ausbildungsreife Jugendliche auf den Eintritt ins Berufsleben vorbereitet werden sollen.

In Einrichtungen wie der  Gießener Jugendwerkstatt soll also repariert werden, was Schule und Elternhaus zuvor nicht korrigieren konnten. Wie schwierig dieses Vorhaben manchmal ist, weiß dort keiner besser als Wolfgang Balser, Leiter der Einrichtung. „Wer zu uns kommt, hat meist schwere Probleme“, sagt er. Zerrüttete Familien, Schulschwänzer- oder Drogenkarrieren, prall gefüllte Straf-Akten – für Balser ist all das Alltag.

„Manche können kaum rechnen oder lesen“

Verloren gegeben wird aber trotzdem niemand. „Wir versuchen, den Jugendlichen eine Richtung zu geben, sie mit Förderunterricht und Schnupperkursen so stabil zu bekommen, dass sie eine Perspektive entwickeln können.“

Gelingt das, sammeln die Jugendlichen anschließend in den Werkstätten der Einrichtung erste Praxis-Erfahrungen. Beim Kochen in der Kantinen-Küche, bei der Arbeit mit Holz oder Metall.

Wer sich bewährt, dem winken Praktika, wer gar richtig gut ist, kann in der Jugendwerkstatt auch eine echte Ausbildung machen: zum Tischler, zum Teilezurichter, zum Holz- und Gebäudeschützer.

Doch bis dahin ist es ein langer Weg. „Manche unserer Kandidaten können am Anfang kaum rechnen oder lesen“, konstatiert Marie Urban, eine von 15 Pädagogen der Jugendwerkstatt. Da frage man sich dann schon, was in neun Jahren Schule so alles schiefgelaufen ist, „und wie viel wir hier in nur einem Jahr geradebiegen können“, so Urban.

Manchmal eben nicht genug: Jeder dritte Teilnehmer scheitert schon im Berufsvorbereitungsjahr, wandert dann ab in andere Maßnahmen oder verbleibt mit gänzlich unbekanntem Ziel.

„Es gibt natürlich Fälle, in denen wir komplett scheitern“, bekennt Einrichtungsleiter Balser. Dann müsse man sich eben auch mal damit begnügen, die betreffenden Jugend-lichen zumindest ein bisschen fitter für Alltagsfragen gemacht zu haben: Wie komme ich mit meinem Geld aus? Wie lese ich einen Busfahrplan?

Wenig effektiv, viel zu teuer

An die immer lauter werdende Kritik, Einrichtungen wie die Gießener Jugendwerkstatt verschlängen nur unnütz Geld, will Leiter Wolfgang Balser sich trotzdem nicht gewöhnen. „Wir erfüllen hier nicht nur eine soziale Funktion. Wir tragen auch dazu bei, dem Facharbeitermangel entgegenzuwirken“, sagt Balser.

Denn: „80 Prozent der Jugendlichen, die bei uns eine Ausbildung beginnen, schaffen es dann später auch bis zur Prüfung.“

Das ist der Idealfall. Bildungsexperten zufolge tritt der in Deutschland allerdings noch immer viel zu selten ein. Laut einer aktuellen OECDStudie verbringen Schulabgänger im Schnitt 17 Monate in verschiedensten Maßnahmen des stark fragmentierten Übergangssystems. Doch nur 30 Prozent von ihnen fänden direkt im Anschluss eine Lehrstelle.

Viel zu wenig, finden die Experten der OECD. Deren Fazit dann auch reichlich ernüchternd ausfällt: „Das deutsche Übergangssystem ist ineffizient und zu kostspielig.“

* Name von der Redaktion geändert

Ausbildungsmarkt: Mehr Stellen als Bewerber

So ändern sich die Zeiten: Fehlten auf dem Ausbildungsmarkt früher die Lehrstellen, werden heute eher die Bewerber knapp!

Laut Bundesagentur für Arbeit waren im August noch über 70.000 Ausbildungsplätze in Deutschland unbesetzt, das sind 5.000 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der zum gleichen Zeitpunkt noch unversorgten Bewerber sank dagegen um 10.000 auf nunmehr 97.000.

Rechnerisch ergibt sich daraus eine Lücke. Doch aufgrund erfolgreicher Vermittlung im Schluss-Spurt, standen bereits Ende September des vergangenen Jahres mehr Stellen bereit als nachgefragt wurden.

Hauptgrund für die sinkende Bewerberzahl ist der demografische Wandel. Laut Statistischem Bundesamt verließen 2005 noch 633.000 junge Menschen mit Haupt- oder Realschulabschluss die Schule. 2009 haben nur noch knapp 584.000 dort ihren Abschluss gemacht.

„Unternehmen müssen sich daher ernsthaft überlegen, wie sie Lehrlinge finden“, bestätigt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, die neuen Knappheitsverhältnisse auf dem Ausbildungsmarkt.

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