Kriminalität

Der Kampf gegen den Kabel-Klau


Frankfurt/Berlin. Drei Gestalten dringen in ein Lager der Bahn ein, zertrennen dicke Kupferkabel mit dem Bolzenschneider. Dumm nur, dass Anwohner sie dabei beobachten – und das Tatfahrzeug, einen dunkelblauen Opel Astra, der Polizei melden. Wenig später wird einer der Diebe im Auto gestellt. Doch die wertvolle Fracht ist weg.

Das Trio hat viele Spuren hinterlassen: weggeworfene Zigarettenstummel, eine Eisensäge, eine Einkaufstüte, eine Wasserflasche und einen Seitenschneider. Zudem ließen die Einbrecher im Auto einen Latexhandschuh zurück – sowie Faserspuren auf dem Beifahrersitz.

47 Spuren bei nur einem Fall

All das liegt nun fein säuberlich in Papiertüten verpackt und mit Nummern versehen auf dem Tisch von Oliver Vetter. „47 Spuren, eine reiche Ausbeute“, sagt der Ermittler, während sein Kollege Robert Wald sichergestelltes Material mit Rußpulver bepinselt.

Schon zeigen sich erste Konturen eines Fingerabdrucks. Sie könnten von einem der Täter stammen. Die Abdrücke gehen mit dem anderen Material ans Bundeskriminalamt, wo alles auf weitere Spuren hin untersucht wird.

Vetter und Wald ermitteln bei der Bundespolizei-Inspektion Frankfurt, in einem Seitenflügel des Hauptbahnhofs. Die ist verantwortlich für die Region von Darmstadt über Wiesbaden, Limburg, Frankfurt bis hin nach Friedberg. Die Beamten, die in erster Linie für die Sicherheit auf fast 300 Bahnhöfen zuständig sind, verbringen immer mehr Zeit damit, Schienennetz und Lager der Bahn zu schützen.

Egal ob es um Kupferkabel geht, um Oberleitungen, Mast-Verankerungen oder sogar ganze Gleisstränge: Die Diebe klauen wie die Raben. Grund für diese neue Form der Kriminalität sind „eindeutig die drastisch gestiegenen Rohstoffpreise“, erklärt Gerd Neubeck, Leiter der Konzernsicherheit bei der Bahn.

Frankfurter überwachen 1.250 Kilometer Strecke

Auf dem Weltmarkt zog der Preis je Tonne Kupfer seit 2009 von knapp 3.000 Dollar auf zwischenzeitlich 10.000 Dollar an; zurzeit liegt er bei rund 7.300 Dollar. Auch Stahl ist viel teurer als noch vor ein paar Jahren. Schon 2010 hat die Bahn rund 2.000 Fälle von Buntmetall-Klau registriert. Gestohlen wurden unter anderem 675.600 Kilo Stahl und 347.300 Kilo Kupfer. Und im jetzt abgelaufenen Jahr waren es noch mal 40 Prozent mehr. Die Polizei-Inspektion Frankfurt verzeichnete gar einen Anstieg auf mehr als das Dreifache, so Dirk Geißler, der stellvertretende Leiter des Ermittlungsdienstes. Die Frankfurter haben 1.250 Kilometer Strecke zu überwachen; insgesamt ist das deutsche Schienennetz rund 34.000 Kilometer lang. „Die Täter kommen überwiegend aus Südosteuropa“, berichtet Geißler. „Manchmal sind es auch einzelne Leute, die spontan zugreifen.“ Der unmittelbare materielle Schaden für die Bahn ist zwar überschaubar, rund 10 Millionen Euro im Jahr. Doch viel schlimmer ist der Imageverlust: Oft führen gestohlene Kabel oder Verankerungen zu massiven Zugverspätungen oder sogar Gefahren für die Sicherheit.

Material liegt im Freien, für jeden zugänglich

Zurück zur Arbeit der Frankfurter Polizei-Inspektion. Zwei Kollegen sind hinausgefahren zu einem Offenbacher Schrotthandel. Es sind Eddi Rost und Olaf Hemmenstädt, mit dabei ist Schäferhund Hulk. Die Beamten wollen „Aufklärungsarbeit“ leisten: „Lassen Sie sich nichts andrehen!“ Niemand soll sich rausreden können, er habe vom Thema Metallklau nichts gewusst.

Am Zielort kommt Frank de Snoo, der Chef der Schrottfirma, den Männern entgegen. Man kennt sich. Er wisse, wann er Fremden gegenüber misstrauisch sein muss, sagt der Händler: „Wenn mir einer ein dickes, sechs Meter langes Kupferkabel verticken will, dann werde ich skeptisch“, versichert er. „So was hat man nicht zu Hause rumliegen.“ In letzter Zeit sei ihm aber nichts Merkwürdiges aufgefallen.

Auch er selbst sei schon zig-mal bestohlen worden: „Zweimal sind die nachts mit einem Laster bei mir rein, haben vollgeladen und sind abgehauen.“

Hin und wieder, so erzählen die Kollegen aus der Inspektion, seien die Täter auch von kleinem Kaliber. So wie die Jungs, die an einer Strecke Kommunikationskabel abgeschnitten hatten und vor der Polizei auf einen Bauernhof geflüchtet waren. Die Beamten leuchteten mit der Taschenlampe durch ein Loch im Scheunentor – direkt in vor Schreck erstarrte Gesichter.

Die Bahn legt jetzt unsichtbare Fallen

Um Buntmetall-Diebe abzuschrecken, greift jetzt die Deutsche Bahn zur Sprühpistole. Die Flüssigkeit darin ist, so der Unternehmensjargon, eine „künstliche DNA“ – mit denen Kabel und Metallteile markiert werden. Das soll den Weiterverkauf gestohlener Ware unmöglich machen.

Dabei handelt es sich um eine Farbe, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Sie ist extrem effektiv. Ein einziges Molekül der Flüssigkeit reicht aus, um geklautes Material zu identifizieren. Der Clou: Kabel etwa werden sowohl außen mit der Farbe versehen als auch unterhalb der Isolierschicht, also im Kabelkern.

Die Substanz enthält winzige Metallteilchen, die nur unter einem Mikroskop zu sehen sind. Und diese Teilchen sind codiert. So kann man feststellen, wo genau das Metall geklaut wurde. Kommen Diebe mit ihrer Haut, ihrer Kleidung oder einem Werkzeug an die Substanz, so bleibt sie haften – dagegen hilft auch kein intensives Reinigen und Waschen.

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