Chemie-Transporte

Der Chemiepark Leuna setzt beim Transport stark auf die sichere Eisenbahn

Leuna. Kurz nach fünf: Die Sonne geht auf, und vor der Windschutzscheibe brummen 2.000 PS. Lokführer Bernd Rauschenbach (52) steuert elf Kesselwagen mit 650 Tonnen Benzin und Heizöl gemächlich über kleine und große Hügel, plattes Land, an weiten Feldern, Kleingärten, Bahnhöfen und noch schlafenden Dörfern vorbei.

„Wir schreiben Sicherheit ganz groß“, beteuert Rauschenbach. Was das konkret bedeutet? Um das zu erfahren, hat ihn AKTIV begleitet – auf seiner 175 Kilometer langen Tour, von der Total-Raffinerie Leuna zum Tanklager Weißensee in Thüringen und zurück.

Notfalls tritt die „Sifa“ automatisch auf die Bremse

Das strenge Sicherheitsregime fängt schon vor der Abfahrt an. In mehreren Kontrollgängen haben Rauschenbachs Kollegen in der vergangenen Nacht alles geprüft: Kesselwagen, Fracht, Bremsen, Räder, Ventile, Papiere. Nichts darf tropfen, riechen, klappern. „Und vorm Losfahren habe ich den Zug noch einmal in Augenschein genommen“, sagt Rauschenbach.

Hin und wieder piepst es im Führerhäuschen. „Das ist die Sifa, die Sicherheitsfahrschaltung“, erklärt der Lokführer. „Wenn ich nicht bei jedem Ton innerhalb von Sekunden ein Pedal trete, stoppt der Zug.“ Damit er nicht etwa mit ohnmächtigem Lokführer weiterfährt. Auch wenn ein Signal übersehen wurde, tritt die Sifa automatisch auf die Bremse. Zudem ist der Zug ständig in Verbindung mit der Betriebszentrale der Eisenbahn der InfraLeuna.

Gut 200 Mitarbeiter, darunter 50 Lokführer, arbeiten in der Logistikabteilung des Chemiepark-Betreibers InfraLeuna. Und kümmern sich vor allem um Eisenbahn-Transporte: Während die Chemie insgesamt nur zu 12 Prozent auf die Schiene setzt, werden hier, im größten geschlossenen Chemiepark Ostdeutschlands, zwei Drittel der Produktion per Bahn verfrachtet – jährlich acht Millionen Tonnen.

In der Regel liefert InfraLeuna nur bis ins drei Kilometer entfernte Großkorbetha, wo externe Bahnfirmen die Waggons übernehmen. Doch rund eine Million Tonnen Produkt werden eigenhändig zu den Kunden in der Region befördert, manchmal auch ein ganzes Stück darüber hinaus. Im Einsatz sind 16 Dieselloks und Tausende Kesselwagen, die alle selbst gewartet, gereinigt und repariert werden; allein für Total sind es 3.000.

Einmal bis zum Mond und zurück

Seit die InfraLeuna 2002 mit diesen Fahrten begann, wurde noch kein Unfall verursacht. Der gelernte Schlosser Rauschenbach saß schon zu DDR-Zeiten auf der Lok: zunächst als Beimann, dann im Rangierdienst; etliche Weiterbildungen später durfte er auf die Strecke.

Rein rechnerisch ist er schon die Entfernung von der Erde zum Mond und zurück gefahren, plus ein paar Erdumrundungen. „Das unfallfrei zu absolvieren, klappt nur mit Gelassenheit und Konzentration“, sagt er, „Hektiker sind in dem Beruf falsch.“

Jetzt rollt er im Total-Tanklager Weißensee ein. Rauschenbach schlüpft in Jacke, Helm und Handschuhe und koppelt die Waggons ab. Dann rangiert er per Fernbedienung mit seiner Lok die leeren Kesselwagen vom Vortag auf ein Seitengleis und die vollen an die Laderampe. Dort wartet Hans-Udo Langanke, einer der fünf Beschäftigten des Tanklagers. Zusammen mit dem Lokführer prüft er die Kesselwagen, die Fracht und die Papiere – während sein Kollege Volkmar Franke die Schläuche andockt und unter jeden Anschluss einen Eimer stellt. Und wieder geht Sicherheit vor: Vor dem dreistündigen Abpumpen müssen pro Kesselwagen drei Ventile geöffnet werden.

Aber da ist Rauschenbach mit seiner Lokomotive und den Leerwaggons schon längst auf der Rückfahrt. Um 10.30 Uhr rollt er schließlich wieder in Leuna ein. Er putzt den Führerstand – und tankt seine Lok wieder voll: 400 Liter Diesel für 175 Kilometer und 650 Tonnen Fracht und das mit einem Mann Besatzung, so effizient ginge es auf der Straße nicht.

An Ende seines Arbeitstags rangiert er sein blaues Arbeitspferd aufs Abstellgleis, erledigt noch etwas Papierkram, dann schwingt er sich aufs Fahrrad. Und wohin geht es morgen? „Steht noch nicht fest“, sagt er. Und grinst: „Fest steht nur eines. Ich fahre!“


Hintergrund

An der Total-Füllstation in Leuna: Hier führt der Pultfahrer André Dietzold die Regie. Foto: Sturm
An der Total-Füllstation in Leuna: Hier führt der Pultfahrer André Dietzold die Regie. Foto: Sturm

So wird der Zug befüllt

  • Rund zehn Millionen Tonnen Mineralöl-Produkte stellt die Total-Raffinerie Leuna im Jahr her. Etwa 60 Prozent davon gehen auf dem Schienenweg ins Bundesgebiet, nach Tschechien, Österreich oder in die Schweiz.
  • Das sind am Tag 18 Züge mit je 22 Kesselwagen – also rund 120.000 Waggons im Jahr. In sieben Abfüllstationen werden sie jeweils einzeln betankt. Aber erst nach intensiver Kon­trolle: Ist der Kessel leer, funktionieren Bremsen und Ventile?
  • Zur Sicherheit ist der Kesselwagen geerdet. Und wird nicht per Lok, sondern per Seilzug unter den Einfüllstutzen gezogen, der sich später in die Öffnung, den „Dom“, senkt. Nach etwa 20 Minuten sind die 58.000 Liter abgefüllt. Spritdämpfe werden dabei abgesaugt und zurück in die Tanks gepumpt.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang