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Der Adrenalin-Verkäufer


Weihnachtsgeschenke für Leute, die schon alles haben: Erlebnis-Gutscheine

München. Das Rennen letzte Woche lief gut an für ihn. Die karibische Sonne knallte, ir­gendwo achtern lag die Traum­insel Curaçao im kochenden Kielwasser seines Speedboats, und Jochen Schweizer dachte, er hätte mal wieder alles im Griff. Dann kam diese Welle, fieser Winkel, wie ein Pfeil schoss das Boot hoch in den stahlblauen Himmel, der Motor brüllte, das Geschoss kippte. Da war das Rennen für ihn vorbei.

Jochen Schweizer (51), sonnengebräunt, muskelbepackt, sitzt am runden Besprechungs­t­isch in seinem Münchner Büro und erzählt vom laufenden Ge­schäft. Glatt aus dem Boot gehauen habe es ihn, „und das bei 90 Sachen“. 

Weh getan, Supermann? „Ach was“, sagt Schweizer, „tolles Erlebnis!“

Erlebnisse: Davon versteht Jochen Schweizer was.  Weil er sie selbst gesucht hat, als Abenteurer. Stuntman. Extrem-sportler. Und weil er jetzt Erlebnisse verkauft. Übers Internet. Als Geschenk-Gutschein.

Tauchfahrt zur Titanic

Rund 600 Erlebnis-Geschenke kann man auf der Internetseite seiner Action-Agentur buchen. Viele davon muten an wie adrenalingeschwängerte Männerfantasien: Fallschirm-Sprünge! Ferrari fahren. Hubschrauber selber fliegen. Schlauchboot-Törn mit satten 1000 PS! Sogar eine Tauchfahrt runter zum Wrack der Titanic bietet Schweizer an.

Für die weniger Wagemutigen finden sich auch Gutscheine für Foto-Shootings, Yoga-Kurse oder romantische Candlelight-Dinner.

Mit seiner Idee, die Erfüllung von Kindheitsträumen handelbar zu machen, begründete Schweizer vor gut vier Jahren einen ganz neuen Markt. „Wir haben im November 2004 mit 15 Erlebnis-Angeboten angefangen, zwei Monate später hatten wir schon 180.000 Euro Umsatz“, sagt Schweizer.

In diesem Jahr werden sie 300.000 Gutscheine verkaufen, 30 Millionen Euro Umsatz machen. „Die Leute haben eine Sehnsucht nach individuellen, authentischen  Erlebnissen“, erklärt Schweizer den Erfolg. „Die wollen nicht mehr nur vor dem Fernseher hocken und passiv zusehen, wie andere Spaß haben.“

Passivität – das war auch nie Schweizers Ding. Getrieben von einer unstillbaren Neugier knatterte der junge Jochen schon mit 16 auf einem Moped allein durch Marokko. Fuhr nach dem Abi 20.000 Kilometer auf dem Motorrad durch Afrika. Und stellte danach fest, dass er nicht taugte für ein bürgerliches Leben. „Ich habe damals gespürt, dass ich nicht mehr ganz dazugehöre.“

Schweizer machte sich einen Namen als Stuntman, sprang mit dem Fallschirm in 4.000 Me­tern Höhe aus einem Ballon, fuhr Kajak auf  Weltniveau.

Und brachte das Bungee-Springen nach Deutschland. Nachdem er sich für Willy Bogners Kino-Reißer „Feuer, Eis und Dynamit“ am Gummiseil von einer 220 Meter hohen Staumauer im Tessin gestürzt hatte, eröffnete er 1990 die erste Bungee-Anlage vor den Toren Münchens. „Drei Jahre später hatten wir 40 davon in ganz Europa stehen.“

Extremsport bedeutet Risiko

Dann die Katastrophe.  Nach 600.000 erfolgreich organisierten Sprüngen riss im Sommer  2003 ein Seil, ein 31-Jähriger stürzte beim Sprung von Schweizers Anlage auf dem Dortmunder Fernsehturm in den Tod. Der Unfall verdeutlichte brutal: Bungee, das ist ein Extremsport. Mit einem Rest­risiko, trotz TÜV-Siegel.

Bis heute glaubt Schweizer, damals nicht fahrlässig gehandelt zu haben. „Ich hätte meinen eigenen Sohn springen lassen. Mit diesem Seil!“ 

Im kommenden Frühjahr nun soll das Verfahren gegen ihn als Veranstalter beginnen.

Sein Unternehmen, damals fokussiert auf die Bungee-Springerei, stand nach dem Unfall vor dem Aus. Erst die Idee, Erlebnis-Offerten vieler Veranstalter über seine Webplattform zu vertreiben, brachte die Wende. Heute beschäftigt Schweizer 110 Mitarbeiter, ständig spüren seine Scouts neue Trends auf, vom Airboarding bis zum Zen-Buddhismus, und integrieren sie in ihr Gutschein-System.

Die Kunden suchen Erlebnisse, Schweizer vermittelt sie. Und sieht darin mehr als nur Kurzfrist-Kicks für Gelangweilte. „Wenn jemand vom Segelfliegen träumt, kann man ihm einen Bildband schenken. Aber dann wird er nie erfahren, wie es sich anfühlt, in der Thermik zu steigen.“

Der Bildband verstaube irgendwann im Regal. „Das Erlebnis des Fliegens bleibt. Für immer.“

Ulrich Halasz

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