Engagement

Den Arbeitsalltag im Griff


Der Pharma-Hersteller Roche bindet benachteiligte Kollegen in die Arbeitsabläufe ein

Penzberg. „In der Radwerkstatt habe ich mehr Verantwortung“, sagt Susanne Bundt, rückt kokett ihr Käppi zurecht und schichtet kleine Faltschachteln in einen Karton. Heute hilft sie bei der Verpackung aus. Sonst wechselt sie Fahrradschläuche, pumpt Reifen auf und assistiert beim Einbauen von Dynamos und Rücklichtern. „Wenn ich was reparier‘, muss das passen. Es darf ja keiner wegen eines Fehlers von mir vom Radl fallen!“, sagt die 45-Jährige mit ernster Miene.

Sie ist Mitarbeiterin der Oberlandwerkstätten für Menschen mit Behinderungen und ist auf dem Werkgelände des Pharmakonzerns Roche im bayerischen Voralpenland beschäftigt. 800 Werkfahrräder stehen der Belegschaft dort zur Verfügung, um sich am weitläufigen Standort Penzberg zu bewegen.

Bundt arbeitet in einem Team von 18 geistig oder körperlich benachteiligten

Beschäftigten der Werkstatt. Und wie die 4.500 Roche-Mitarbeiter gehen sie einer Arbeit nach, ver­dienen eigenes Geld und haben einen geregelten Tagesablauf. Zu dem gehört auch das Mittagessen in der Kantine. Sich im Gewirr von Menüs, Beilagen und Getränken zurechtzufinden war anfangs gar nicht so einfach. „Toll, dass unsere Leute das schon nach zwei Wochen selbstständig gemeistert haben“, lobt Hermann Soyer, ein Betriebsleiter der Oberland Werkstätten in Geretsried.

Eine Dienstleistung wie jede andere

Die passenden Mitarbeiter für Roche hat er aus seinen 400 Angestellten ausgewählt, die unter anderem Metall bearbeiten oder Teile montieren. Vor Ort sind sie aber selten im Einsatz.

Die „Außenarbeitsgruppe“ auf dem Werkgelände ist ein Pilotprojekt. Obwohl man bereits zehn Jahre gut zusammenarbeitet war es nicht leicht: „Es brauchte Mut, diesen Schritt zu gehen“, sagt Werkleiter Claus Haberda.

Nach einem Jahr ist der Erfolg offensichtlich: Die Dienstleistungen der Gruppe gehören jetzt zu den Werkdiensten, wie Bibliothek oder Werkschutz. Alles, was an Verpackungen für Flüssigkeiten und Testsubstanzen, etwa für Forschungslabore, das Werk verlässt, ist zuvor durch die Hände von Susanne Bundt und Kollegen gegangen. Das können zu Spitzenzeiten schon mal 20.000 Schachteln, Aludosen oder kleine Spezialtabletts am Tag sein.

Viele Kontakte nehmen die Scheu

Im Moment prüfen mehre-re Roche-Abteilungen, welche Aufgaben sie noch an die Arbeitsgruppe abgeben können. So wird das Rad-Team künftig auch die abgestellten Fahr­räder kontrollieren und defekte Räder kennzeichnen.

Die eifrigen Mitarbeiter sind dann noch mehr auf dem Werkgelände unterwegs, das ist gewollt: „Mit einem gestärkten Selbstwertgefühl bekommen die Kollegen mehr Lebensqualität, das gehört

zu unseren Unternehmens­zielen“, erklärt Haberda.

Und die übrige Belegschaft baue ganz nebenbei Berührungsängste ab. Außengruppenleiter André Hofmann: „Meine Mitarbeiter telefonieren mit den Leuten von der Druckerei wegen der Etiketten für unsere Kartons und holen sie auch selbst ab. Diese Selbstständigkeit motiviert.“

Der Werkstattgruppe gefällt die Integration: „Ab und zu gehen wir zum Meister in die Schlosserei rüber, damit er uns ein Tretlager presst, wenn eines kaputt ist“, sagt Christian Friede. Dann wendet er sich wieder dem Werkfahrrad Nummer 330 zu. Es braucht ein neues Hinterrad mit Schutzblech.

Was sie leisten können bewiesen die Kollegen im Mai: Da brachten sie 100 Fahrräder auf Vordermann – bisheriger Rekord!

Eva Schröder

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang