Die andere Lebensversicherung

Das Unternehmen Vita 34 lagert Stammzellen aus Nabelschnurblut für spätere Therapien

Leipzig. Paula Thiel ist die Erste in Europa, die so etwas hatte: Seit der Geburt besitzt sie ein „Stammzell-Depot“. Das Blut aus der Nabelschnur der heute fast 18-jährigen Frau liegt beim mittlerweile ebenso alten Unternehmen Vita 34 in Leipzig – bei 190 Grad unter null in mit Stickstoff gekühlten Tanks, geschützt von einem Blutbeutel und einer Aluminium-Kassette.

Es ist eine Versicherung für den Fall der Fälle, der hoffentlich niemals eintritt: eine Krankheit, die nur mit Stammzellen behandelt werden kann. Das Blut mit der nützlichen Fracht professionell einzulagern, ist ein Beispiel für die Geschäftsmodelle, die die moderne Biotechnologie möglich macht.

Mittlerweile 125.000 Klienten in vielen Ländern Europas

Die Firma Vita 34 und ihre 115 Mitarbeiter erwirtschaften damit knapp 14 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Der privaten Nabelschnurblut-Bank in Sachsen haben mittlerweile über 125.000 Menschen aus 20 Ländern den wertvollen Schatz anvertraut. Der Sitz der Firma in Leipzig ist dafür ideal: Der rund um die Uhr offene Flughafen ermöglicht eine schnelle Anlieferung des empfindlichen Guts per Kurier.

Warum das Blut der Nabelschnur mit seinen Millionen Stammzellen so nützlich ist, erklärt Dr. André Gerth, der Vorstandsvorsitzende von Vita 34: „Man kann diese Stammzellen zur Therapie nutzen. Denn sie können von Blutzellen über Immunzellen bis hin zu Organgewebe noch vieles bilden.“ Zwar haben auch Erwachsene Stammzellen, doch die sind altersbedingt weit weniger leistungsfähig als die von Babys. Zudem lassen sich die der Neugeborenen im Labor einfach vermehren.

Bisher wurde 28-mal auf ein Stammzell-Depot zugegriffen. Das scheint wenig, allerdings sind die Kunden des Unternehmens ja noch jung, erläutert Gerth: „Krankheiten, für die Stammzell-Behandlungen heute schon möglich sind, treten oft erst ab dem 50. Lebensjahr auf.“ Aus diesem Grund garantiert Vita 34 eine entsprechend lange Lagerung.

Eingesetzt wurden die Reserven aus Leipzig bisher bei Blutbildungsstörungen, frühkindlichen Hirnschädigungen, gegen Diabetes oder nach krebsbedingten Chemotherapien – zum Teil noch versuchsweise, berichtet Gerth. „Aber ich bin mir wie viele Mediziner sicher, dass es in einigen Jahren zahlreiche wirksame Therapien geben wird.“

Weltweit sind Wissenschaftler den Geheimnissen der potenten Zellen auf der Spur. Zum Beispiel um herauszufinden, wie sich mit ihnen geschädigtes Gewebe in Knorpeln, Gelenken und Organen regenerieren lässt oder wie Krebs zu behandeln ist. Gibt es hier Forschungserfolge, übernehmen vielleicht auch Krankenkassen die aufwendige Vorsorge, hofft Firmenvorstand Gerth. Auch Vita 34 hat sich für den Fall der Fälle abgesichert: Bei einer Insolvenz sorgt ein großer Industrieversicherer dafür, dass alle Blutbeutel in Leipzig mit gleicher Qualität mindestens 50 Jahre eingelagert bleiben.


Schon gewusst?

Im Kryotank: Lagerung bis zum Einsatz. Foto: Werk
Im Kryotank: Lagerung bis zum Einsatz. Foto: Werk

Wie das Blut ins Lager kommt

  • Wenn das Neugeborene abgenabelt ist, wird das Blut nach strengen Vorgaben in sterile Beutel abgefüllt und verpackt.
  • Per Kurier geht die Fracht nach Leipzig. Ein Chip misst die Temperatur im isolierten Paket.
  • Laboranten prüfen das Blut und erfassen die eindeutige Kennnummer.
  • Spezielle Einfriergeräte kühlen das Blut schonend auf minus 145 Grad Celsius. Dann kommt es in den stickstoffgefüllten Kryotank, in dem es bei minus 190 Grad gelagert wird.

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