Personal-Politik

Das Unternehmen Familie

Was tun die Betriebe für Kollegen mit Kindern?

Flexible Arbeitszeiten, betrieblicher Kindergarten, Büro mit Spielecke, Ferienfreizeit: Immer mehr Unternehmen bieten familienfreundliche Angebote. Das zahlt sich aus – auch bei der Suche nach qualifiziertem Personal. AKTIV bringt zwei Beispiele aus Deutschlands wichtigstem Industriezweig Metall und Elektro.

Kinder, hier geht’s rund!

Bei Getrag gibt es eine Tagesstätte – eine lohnende Investition

„Untergruppenbach. Auf unerwartete Hindernisse muss gefasst sein, wer das Innovations-Center des Getriebeherstellers Getrag in Untergruppenbach bei Heilbronn besucht: Von rechts schießt ein Bobbycar heran, von links streckt die kleine Victoria ein Einmachglas hoch: „Guck mal, da sind Raupen drin.“ Während Mama und Papa in den Büros tüfteln, tobt sich der Nachwuchs im Betriebskindergarten aus.

Turnen, Englisch, Musizieren

Das sieht Dieter Schlenkermann gerne. Als Geschäftsführer des Getrag-Konzerns ist er verantwortlich für mehr als 13.000 Beschäftigte. Davon arbeiten 680 im InnovationsCenter. Sie sollen mit möglichst viel Freude und Einsatz bei der Sache sein. „Angebote wie der Kindergarten tragen dazu bei, dass die Belegschaft motiviert ist“, erklärt Schlenkermann. „Und nur mit motivierten Leuten sind gute Leistungen möglich.“

Deshalb wurde die Tagesstätte fest einkalkuliert, als für das Innovations-Center ein Neubau in Planung war. Seit fünf Jahren gibt es den Kindergarten nun schon. Die Plätze sind heute begehrter denn je: Vier Ganztagskräfte betreuen täglich 21 Mädchen und Jungen.

„Zum Teil bekommen wir schon Kinder mit drei Monaten“, erzählt Leiterin Ilona Feicho. Die Warteliste zeugt von einer noch größeren Nachfrage. Die Kleinen werden sinnvoll beschäftigt. Feicho: „Wir bieten alles vom Turnen über Englisch-Sprechen bis zum Musizieren.“

Für die Eltern hat die Unterbringung der Kinder im Betrieb viele Vorteile. Sie müssen keine Wege extra zurücklegen. Und können die Kleinen zu beliebigen Zeiten zwischen 7.30 und 17.30 Uhr bringen und holen. Schlenkermann: „Wenn etwas sein sollte, ist die Mama innerhalb von zwei Minuten da.“

Der Kindergarten nützt auch der Firma. Weil viele Mütter dadurch nach der Geburt von Tochter oder Sohn nach kurzer Zeit zurückkehren.

Der Kindergarten hat auch mit der Konzern-Philosophie zu tun: Allem Kostendruck in der Automobilzuliefer-Branche zum Trotz steht bei Getrag ausdrücklich „der Mensch im Mittelpunkt“, egal, ob Ingenieur oder Monteur.

Jahr für Jahr 3 Millionen Getriebe

Deshalb investiert das Unternehmen hier in einen Fitness-Raum, da in besonders helle Produktionsstätten, dort in flexible Arbeitszeiten. Schlenkermann ist überzeugt: „Mit Sicherheit fließt das, was wir in solche Angebote stecken, über die Motivation der Menschen wieder zurück.“ Motivation lässt sich zwar schwer in Geld messen. Aber Erfolg schon. Und der ist für Schlenkermann der beste Beweis dafür, dass sich die Wertschätzung der Mitarbeiter auszahlt: Das Unternehmen ist heute einer der weltweit führenden Getriebehersteller. Es produziert jährlich rund 3 Millionen Getriebe. Für fast alle Automarken – ausgenommen Bobbycars.

Barbara Auer Mig

 

Nie allein zu Haus

Pflitsch tut einiges, damit die Kinder der Mitarbeiter gut aufgehoben sind

Hückeswagen. Florence Weyer hat es eilig. Die Zeit drängt, es ist kurz vor zwölf. Schnell holt sie noch eine neue Fuhre Messingteile aus dem Lager, für die Frauen in der Montage. Schaut kurz auf die Uhr – dann Tschüss und weg. Ab in den blauen Astra, Richtung Grundschule. Denn der Nachwuchs will nicht warten.

Die 39-Jährige ist Mutter zweier süßer Steppkes. Sohnemann Raphael ist sieben, seine Schwester Josephine sechs. Florence Weyer arbeitet bei Pflitsch, einem Unternehmen in Hückeswagen, rund 50 Kilometer östlich von Köln. Es produziert Kabelverschraubungen und -kanäle.

Bei den Weyers sind die Kleinen nie allein zu Haus. Auch dank flexibler Arbeitszeiten. Während in der Montage normalerweise um kurz vor vier Schluss ist, darf Teilzeitarbeiterin Weyer schon mittags um zwölf gehen.

Attraktivität spricht sich herum

Die Flexibilität bei den Arbeitszeiten ist ein Grund dafür, dass der Betrieb von der Initiative „Beruf und Familie“ ausgezeichnet wurde (siehe Info).

Im Sommer sechs Wochen Urlaub am Stück? Das haben die wenigsten Arbeitnehmer. Aber wer betreut den Nachwuchs, wenn Papa und Mama wieder arbeiten müssen?

Die Antwort heißt Ferienfreizeit. Egal ob Schwimmen, Kegeln oder Trampolin springen: Seit zwei Jahren gibt es das Gemeinschaftsangebot von Pflitsch, Stadtverwaltung, Sparkasse und einem Kindergarten, das für Zwei- bis Zwölfjährige gedacht ist. Florence Weyer nutzte den Service zuletzt in den Winterferien.

Und jetzt will ihn Hans Christian Marenbach, der Personalchef von Pflitsch, aufs ganze Jahr ausdehnen: „Anfang 2008 soll es losgehen.“

Dabei ist Pflitsch kein Sozialverein. Aber ein weitsichtiges Unternehmen: „Die Betriebe müssen familienfreundlicher werden, sonst bekommen sie bald massive Probleme“, betont er. Weil Deutschlands Bevölkerung schrumpft – und altert. Die Folge: Fachkräfte werden knapp. Pflitsch lockt sie an. Marenbach: „Zu uns sind schon zahlreiche Leute gewechselt, weil wir familienfreundlich sind.“

In dem Betrieb gibt es auch einen Raum mit Kletterhäuschen, Spielzeug und Malsachen, davor ein Schreibtisch mit Computer. Hier arbeitet die Mutter oder der Vater, während das Kind spielt, weil etwa die Tagesmutter plötzlich eine Grippe bekam.

Bisher wurde das Zimmer kaum genutzt, trotzdem sei es unverzichtbar, sagt Marenbach: „Das ist wie bei einer Versicherung. Am besten ist es doch, wenn man sie nicht in Anspruch nehmen muss.“

Wilfried Hennes

 

Info: Gütesiegel „Beruf und Familie“

Arbeitgeber können sich ihre familienfreundliche Personalpolitik mit einem Gütesiegel bestätigen lassen – und zwar von „Beruf und Familie“, einer Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Bis Ende des Jahres haben voraussichtlich 820 Unternehmen, Institutionen und Hochschulen die begehrte Auszeichnung nach umfangreichen Prüfungen erhalten. Eine solche Beurteilung („Audit“) kostet je nach Betriebsgröße zwischen 5.000 und 24.000 Euro.

 

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