Initiative

Das rollende Klassenzimmer


„lüttIng.“ macht Schülern Lust auf Technik – mit Projekten wie dem Elektro-Roller „Wheelie“

Es ist ungemütlich kalt an diesem Nachmittag, aber das stört Rawaz Rasheed nicht. Der Schüler hat nur Augen für den „Wheelie“. Geschickt lenkt er den einachsigen Elektro-Roller einen schmalen Weg entlang und im Slalom um bunte Hütchen herum. Beugt er sich nach vorne, surrt das Gefährt los; lehnt er seinen Oberkörper zurück, bremst es ab.

Rawaz und seine 14 Mitschüler aus der 9. und 10. Klasse der Comenius-Schule Flensburg machen gerade Testfahrten auf dem Campus der Flensburger Uni. Ein ganzes Schuljahr lang beschäftigen sie sich im Technik-Unterricht mit dem „Wheelie“. Die Bausätze dazu verdanken sie „lüttIng.“ der Schüler-Technik-Akademie.

Segelschiffe und Handy-Ladegeräte

Der Elektro-Roller im Technik-Unterricht – das ist nur eines von 16 „lüttIng.“-Projekten. Das  Förderprogramm der Nordmetall-Stiftung und der Innovationsstiftung Schleswig-Holstein macht Schülern Lust auf Technik.

Seit dem Herbst 2008 tüfteln und bauen landesweit rund 500 Jugendliche an ihren Ideen – vom Modellsegelschiff bis zum solarbetriebenen Handy-Ladegerät. Oder eben an dem Elektro-Roller, von dem der 15-jährige Rawaz fasziniert ist. „Dafür würde ich sogar meine Freizeit opfern“, sagt er.

Seine Mitschüler und er lernen, wie der „Wheelie“ zu fahren ist, was die Sensoren können und wie die Elektromotoren und Mikrocontroller funktionieren. Sie nehmen den Roller auseinander, setzen ihn zusammen – und entwickeln ihn weiter.

Das rollende Klassenzimmer begeistert die Jugendlichen. „Wir haben  viel mehr Spaß als im normalen Unterricht“, meint die 15-jährige Lisa Wulff, das einzige Mädchen in der Gruppe.

Ein größeres Lob kann es für Projektleiter Kai-Christian Tönnsen kaum geben. Der studierte Realschullehrer bildet an der Flensburger Uni normalerweise angehende Techniklehrer aus. Vor zwei Jahren aber hatten er und sein Kollege Torben Matthiesen die Idee, den „Wheelie“ im Schul-Unterricht einzusetzen.

„Wir wollten etwas machen, um mehr junge Leute für technische Berufe zu begeistern“, erzählt Tönnsen. Der Plan überzeugte auch die Jury von „lüttIng.“, die für das Projekt die finanzielle Unterstützung zusagte.

Sabine Recupero von der Innovationsstiftung Schleswig-Holstein: „Gemeinsam an spannenden technischen Fragen tüfteln und Lust auf mehr bekommen, das ist die Grundidee dieser Initiative. In Flensburg wird das beispielhaft umgesetzt.“

Und mit Erfolg, wie Techniklehrer Torben Wulff von der Comenius-Schule bestätigt: „In diesem Projekt sind die Schüler richtig heiß auf Technik. Sie begeistern sich für technische Probleme. Selbstständig finden sie neue Lösungen.“

In der Praxis sieht das so aus: Die Schüler stellen fest,  dass die Lenkung des „Wheelie“, der als Bausatz im Handel erhältlich ist, zu viel Spiel hat. In Dreier-Gruppen überlegen sie, wie sie das Problem in den Griff bekommen können. Am Ende finden sie eine Lösung: Sie verstärken die Lenkstange mit Zugfedern.

Über ihre Erfahrungen berichten die Jugendlichen im „Wheelie-Blog, den die Beratungsfirma Innovation Insights mit ihnen entwickelt hat. Auch andere Partner aus der Wirtschaft unterstützen das Projekt, darunter Betriebe  wie Sievers Elektronik und Seggy Nord.

Anstoß für das Studium

Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gehört bei „lüttIng.“ zum Konzept. „Wenn der Dreiklang aus Schule, Hochschule und Unternehmen richtig klingt, wird nicht nur der Forschergeist der Schüler herausgefordert; ein solches Projekt kann auch entscheidende Impulse für ein späteres Studium liefern“, sagt Peter Golinski, Bildungskoordinator der Nordmetall-Stiftung.

Wie bei Rawaz Rasheed. Für den gebürtigen Iraker ist der „Wheelie“ nur ein Anfang. Er will später Maschinenbau studieren.

Beate Münchenbach

Infos: www.luetting.de

Interview

„Mit Spaß lernen wir besser“

Moderator Aiman Abdallah über Schüler und Technik

Aiman Abdallah ist seit 1998 Moderator bei dem Fernsehsender ProSieben. In seiner Wissens-Sendung „Galileo“ erklärt der 46-Jährige seltsame Phänomene und macht außergewöhnliche  Experimente.

AKTIV im Norden: Herr Abdallah, wir beobachten seit einiger Zeit einen regelrechten Boom bei Sendungen, die naturwissenschaftliches und technisches Wissen vermitteln. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Abdallah: Das Bedürfnis, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen, ist typisch menschlich, denn wir sind von Natur aus neugierig. Und je komplexer die Zusammenhänge werden, desto mehr Fragen haben wir. Wissensmagazine geben Antworten – im besten Fall so, dass sie gleichzeitig informativ und unterhaltsam sind.

AKTIV im Norden: Sie sind selbst Vater von drei Kindern. Glauben Sie, dass die technische und  naturwissenschaftliche Kompetenz der Jugendlichen heute besser entwickelt ist als früher?

Abdallah: Bei der technischen Kompetenz ist das mit Sicherheit so. Die Technik hat im letzten Jahrzehnt erstaunliche Sprünge gemacht – die heutigen Jugendlichen wachsen also schon mit wesentlich mehr Technik auf als frühere Generationen und haben insofern ein wesentlich besseres Verständnis dafür. Bei den Naturwissenschaften dagegen bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, dass frühere Generationen wesentlich naturverbundener waren und in diesem Bereich daher auch einen

besseren Zugang zu diesen Themen hatten.

AKTIV im Norden: Was sollten unsere Schulen Ihrer Meinung nach ändern, um den Schülern den Zugang zu diesem Wissen zu erleichtern?

Abdallah: Es ist ja allgemein bekannt: Wer mit Spaß lernt, der lernt besser. Schule sollte natürlich nicht zu einer Show werden, aber der Spaßfaktor steht oft hinten an. An diesem Punkt zum Beispiel könnte man doch einiges ändern.

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