Scharfe Sachen aus Solingen

Das Rasiermesser erlebt eine Renaissance – gut für Metall-Firmen wie Dovo

Solingen. Dunkles Holz, edles Leder, antike Möbel: Der „Barbershop Cologne“ in Köln sieht aus wie aus dem vorletzten Jahrhundert. Dabei ist er kaum zwei Jahre alt. Salvatore de Vanna, der mit seinem Bruder den Laden führt, frisiert nicht bloß Haare. „Jede Woche kommen 40 bis 50 Männer, die sich ihren Bart pflegen oder eine Glattrasur machen lassen“, berichtet de Vanna.

Friseurgeschäfte oder Barbershops sind in den letzten Jahren in den Großstädten wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Rasiermesser, die Barbiere wie de Vanna benutzen, sind extrem scharf. Hergestellt werden sie zum Beispiel bei der Firma Dovo in Solingen.

Hier arbeitet Timo Wolf. Er braucht ebenso viel Gefühl und eine ruhige Hand. Präzise und ohne jedes Hilfsmittel muss er die Rasierklinge zwischen die Schleifsteine schieben. Ein paar Mal behutsam vor und zurück, dann hat das Messer schon mal seinen groben Schliff. Wolf benutzt dafür eine 80 Jahre alte Maschine.

Er ist einer von vier Auszubildenden, die Dovo derzeit hat – für einen Job, der aus einer lang vergangenen Zeit zu stammen scheint. Doch das Schleifen, Schärfen und Polieren von superscharfen Messern oder hochwertigen Scheren ist immer noch zum großen Teil Handarbeit. Bis heute gehören die klassischen, aufklappbaren Rasiermesser zu den Top-Produkten des 1906 von Carl Dorp gegründeten Familienunternehmens. Oder besser: wieder.

„Wir hatten den Trend zur professionellen Rasur für eine kurze Mode gehalten. Aber die hält nun schon fünf Jahre an“, sagt Markus Kirschbaum, geschäftsführender Gesellschafter. 70 Menschen arbeiten in der Firma, weitere zehn bei der Tochter Merkur, die ausschließlich klassische Rasierhobel aus massivem Metall herstellt.

Viele Mitarbeiter sind schon lange dabei. Wie Emilio Silvestri, der hier seit neun Jahren als Rasiermesserschleifer arbeitet. Und das mit sichtlichem Vergnügen: „Macht immer noch Spaß. Ist gute Handarbeit.“

Von der Nagelschere bis zur Fußzange hat Dovo praktisch seit Jahrzehnten denselben Produktkatalog. „Man erwartet von uns das klassische, hochwertige Produkt. Deshalb fallen wir mit Innovationen immer wieder auf den Bauch“, gesteht Kirschbaum. Schleifer, bleib bei deiner Kunst? So sieht es aus. „Die Stähle sind ausentwickelt, da geht nichts mehr“, bestätigt Co-Geschäftsführer Ulrich Wiethoff das Festhalten an bekannter Qualität.

Was nicht bedeutet, dass Dovo sich nicht mal einen Gimmick einfallen ließe: ein Rasiermesser mit einer Schale aus 40.000 Jahre altem Mammut-Elfenbein zum Beispiel. Das kostet dann auch ein Vielfaches des Standardmodells, das ab etwa 80 Euro zu haben ist.

Jedes Rasiermesser durchläuft beinah zahllose Fertigungsschritte: Der zugelieferte gehärtete Stahl-Rohling wird bei Dovo erst mal in 15 Arbeitsstufen hohlgeschliffen. Danach folgen unter anderem das Feinschleifen, Polieren, Ledern, Fetten. Am Ende steht ein Produkt, das eben zeitlos schön ist.

Die jetzige Rasiermode habe ihren Grund wohl auch darin, dass Männer heute mehr Wert auf die Körperpflege legen, sagt Kirschbaum. Vorbilder sind Leinwandhelden wie James Bond: „Als sich Daniel Craig 2012 in ,Skyfall‘ rasieren ließ, hat das eine weitere Raketenstufe gezündet.“ Dovo-Produkte sind in aller Welt gefragt. 80 Prozent gehen in den Export. Wobei Nordamerika der wichtigste Absatzmarkt ist.

Für die Pflege daheim rät Kirschbaum vom Rasiermesser ab. Denn das muss präzise im 30-Grad-Winkel geführt werden und hinterlässt bei falscher Technik fiese Schnitte: „Man muss das können! Ich kann es nicht.“


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