Krisenbewältigung

Das Jobwunder unter der Lupe


Warum Deutschland mit seiner Beschäftigungssicherung Schlagzeilen macht

Stuttgart. Die Welt blickt auf den deutschen Arbeitsmarkt: Der flexible Umgang mit der Arbeitszeit hat letztes Jahr 1,2 Millionen Stellen gerettet – das errechnete jüngst das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Arbeitslosenquote ist stabiler als anderswo (siehe zweite Seite: Info).

Bei uns halten die Unternehmen besonders eisern an ihren Belegschaften fest. Wie der Technologie-Konzern Bosch (271.000 Mitarbeiter) mit Hauptsitz in Gerlingen bei Stuttgart. Der Bosch-Umsatz brach 2009 um 16 Prozent ein, so die noch vorläufige Zahl. Im Ausland sank die Zahl der Arbeitsplätze um 4 Prozent. Und in Deutschland um 2 Prozent.

Bisher kamen alle deutschen Werke des Konzerns ohne betriebsbedingte Kündigungen durch die Krise: Der Stellenabbau beruht unter anderem auf ausgelaufenen Zeitverträgen, altersbedingten Austritten und Abfindungsprogrammen. Im Ausland sah sich Bosch dagegen gezwungen, auch betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen. Zudem wurden Teile der Bremsen-Produktion in den USA verkauft.

Kurzarbeit: Anderswo ein Fremdwort

Das deutsche Jobwunder – woran liegt das? Für den obersten Bosch-Geschäftsführer Franz Fehrenbach sind Modelle der Arbeitszeitverkürzung sehr wichtig, um die Kernmannschaft möglichst zu halten: „Deutschland ist hier Vorbild und verfügt über ein gutes Instrumentarium für solch schwierige Situationen. Dies ist in anderen Ländern leider nur selten gegeben.“

Von den 112.000 Mitarbeitern in Deutschland sind aktuell 56.000 von Arbeitszeit-Reduzierung betroffen, also etwa jeder Zweite statt wie im Ausland jeder Sechste. In Kurzarbeit sind allerdings nur 26.000. Denn Bosch nutzt außerdem den „Tarifvertrag Beschäftigungssicherung“ der Metall- und Elektro-Industrie. Dieser erlaubt Arbeitszeitverkürzungen im Einvernehmen mit dem Betriebsrat.

Kurzarbeit mit staatlicher Förderung setzt Bosch auch an anderen Standorten ein, wenn dies möglich ist. Etwa in Frankreich, Spanien und Japan. Doch in vielen Ländern ist Kurzarbeit ein Fremdwort, wie in den USA. Was, wenn es auch keine tarifvertraglichen Lösungen gibt?

Bosch-Sprecherin Claudia Arnold erklärt: „In einigen Ländern, wie Tschechien und der Türkei, haben wir Sonderabkommen mit den Gewerkschaften geschlossen oder individuelle Vereinbarungen mit den Mitarbeitern.“ Aber das sei komplizierter. „Es ist zeitaufwendiger, als auf vorhandene tarifvertragliche Regelungen zurückzugreifen.“

Momentan arbeitet Bosch in Deutschland an einer Gesamtbetriebsvereinbarung, die das Ziel hat, die Mitarbeiter an den hohen „Remanenzkosten“ der Kurzarbeit zu beteiligen. Das sind die Kosten, die trotz aller Förderung beim Unternehmen hängen bleiben. Das Werk Stuttgart-Feuerbach mit 12.000 Beschäftigten, als Standort für Kraftfahrzeugtechnik besonders krisenbetroffen, übernahm die Pilotfunktion. Geschäftsführung und Betriebsrat sind sich einig: Alle Mitarbeiter in Feuerbach verzichten auf 1,5 Prozent des Jahreseinkommens – vom Ungelernten bis zum obersten Chef.

Jetzt wollen die Sozialpartner das Modell auf viele deutsche Standorte ausweiten. Die Loyalität hat durch solche Maßnahmen offenbar nicht gelitten: Laut einer Mitarbeiter-Befragung sind 80 Prozent „stolz, für die Bosch-Gruppe zu arbeiten“, gleich viele wie vor der Krise.

Es funktioniert nicht ewig

Allerdings: Kraftakte wie bei Bosch sind nicht in jedem Unternehmen möglich, und schon gar nicht auf unbegrenzte Zeit. Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gibt zu bedenken: „Die Möglichkeit, über flexible Arbeitszeiten die Unterauslastung auszugleichen, ist weitgehend ausgeschöpft.“

Info: Stabiler Arbeitsmarkt

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland lag im Februar bei 8,7 Prozent – nach 8,5 Prozent ein Jahr zuvor. Sie ist also nur um 0,2 Prozentpunkte gestiegen. In anderen Ländern legte sie 2009 laut Industriestaaten-Institut OECD stärker zu: etwa in Frankreich um 1,5 und in den USA um 2,0 Prozentpunkte.

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