Jugend 2009

„Das ist mein Durchbruch"


In AKTIV erzählt der Hauptschüler Max Reichert, wie er sich seinen Start ins Berufsleben vorstellt

Neulich nachmittags klingelte bei uns das Telefon. Ich war daheim, also bin ich ran. Ob ich Max Reichert sei, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ja, am Apparat“, hab ich geantwortet. Und dann höre ich: Es gehe um meine Bewerbung, ich sei ja dagewesen zum Gespräch, sie hätten sich jetzt entschieden. Für mich! Ich hätte die Lehrstelle, der Vertrag käme dann also in ein paar Tagen mit der Post, herzlichen Glückwunsch, Herr Reichert.

Können Sie sich vorstellen, wie gut sich das anfühlt? Wenn Sie 16 Jahre alt sind und Hauptschüler? Wenn Sie unbedingt Mechatroniker werden wollen, aber wissen, dass die meisten Firmen dafür nur Gymnasiasten oder Realschüler nehmen? Und dann ruft jemand an und sagt: Du bist es! Das ist der Wahnsinn! An diesem Nachmittag war ich einfach nur glücklich. Weil ich wusste: Das ist mein Durchbruch!

„Englisch ist nicht so meine Stärke“

Im September geht’s jetzt los für mich mit der Mechatroniker-Ausbildung, dreieinhalb Jahre lang wird die dauern. Lernen werde ich bei Schwarzkopf & Henkel in Wassertrüdingen, das liegt knapp zehn Kilometer von meinem Heimatdorf Lehmingen in Bayern entfernt. Der Betrieb ist die größte Produktionsstätte der Schwarzkopf & Henkel Production Europe. Die machen Shampoos, Haarfarben und Sprays, Duschgele und so weiter.

Wir Mechatroniker sind da zuständig für die Instandhaltung der Produktionsmaschinen. Und wenn neue Anlagen aufgebaut werden, sind wir diejenigen, auf die’s ankommt.

Was ich schon weiß: Viele der Maschinen stammen aus England, deshalb sind oft Briten im Haus. Für mich bedeutet das: Ich werde viel Englisch sprechen müssen. Nicht unbedingt so meine Stärke, das muss ich zugeben. Aber ich werde an mir arbeiten, das habe ich immer so gemacht, wenn mir etwas schwerfiel.

In der Schule zum Beispiel. Ich war mal ein halbes Jahr auf der Realschule, aber da kam ich nicht so richtig klar. Also bin ich dann zur Hauptschule. Meine Mittlere Reife hab ich in ein paar Wochen trotzdem in der Tasche. Bei uns in Bayern kann man die im sogenannten M-Zug nämlich auch auf der Hauptschule machen. Wenn man ein guter Schüler ist. Und das bin ich.

Und nicht nur ich! Mich ärgert es maßlos, wenn in den Zeitungen und im Fernsehen die Hauptschüler immer nur schlecht geredet werden. Das klingt immer, als wären alle Hauptschüler blöd, faul, als hätten wir alle keinen Bock. Was reden die da bloß? Natürlich gibt’s auch bei uns Schüler, die keine Lust haben. Aber die meisten in meiner Klasse wollen was lernen, die wollen arbeiten, was aus sich machen, die haben Ziele. Ich sage hier jetzt mal ganz klar: Wir Hauptschüler sind nicht so schlecht wie unser Ruf!

„Ich mach mich nicht verrückt“

Leider eilt der uns wohl voraus. Das hab ich auch selber schon gespürt. Bei einem anderen Unternehmen in der Nachbarschaft hatte ich mich auch als Mechatroniker beworben. Sie haben mich nicht genommen – weil ich Hauptschüler bin. Da fühlt man sich nicht so toll.

Aber ich will nicht klagen, schließlich sieht meine Zukunft rosig aus. Daran glaube ich, trotz der Wirtschaftskrise. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht blauäugig. Ich weiß, dass das schwere Zeiten sind im Moment, schließlich sehe ich auch die Nachrichten. Selbst um mein Heimatdorf macht die Krise keinen Bogen. Im Betrieb meines Vaters ist Kurzarbeit, ich kenne auch Leute, die noch immer  nach einer Lehrstelle suchen. Im Nachbarort hat ein Unternehmen alle gerade geschlossenen Ausbildungsverträge wieder gekündigt, so schlecht geht es denen. Dass man sich da Gedanken macht, ist ja wohl klar. Aber sich verrückt machen – was würde das ändern?

Vielleicht aber werde auch ich eines Tages weggehen müssen aus Lehmingen. Ganz ehrlich: Mir würde das schwerfallen. Für Städter ist mein Dorf vielleicht nur irgendein Kaff, so klein, dass es nicht mal Straßennamen gibt. Aber für mich ist es Heimat, hier hält man noch zusammen, hier gibt es Gemeinschaft.

Beim Vorstellungsgespräch bei Henkel haben sie mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach der Lehre einen guten Job in der Fremde anzunehmen. „Ich weiß es nicht“, hab ich gesagt. Ich war einfach nur ehrlich, was hätte ich mich auch verstellen sollen.

Wie auch immer es kommt: Ich freu mich jetzt auf mein Berufsleben. Aufs erste selbst verdiente Geld und das Stück Unabhängigkeit, das es mir bringt. Ein paar Jahre will ich nach der Lehre erst mal arbeiten, vielleicht gehe ich dann auf eine Techniker-Schule, ich weiß es einfach noch nicht.

Aber was ich weiß: Ich habe einen Job gefunden, der mir Spaß machen wird. Das spüre ich. Seit dem Moment, als ich neulich nachmittags ans Telefon gegangen bin.

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Schlagwörter: Schule

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