Textil-Industrie

Das Herz der Kerze


Der Docht-Weltmarktführer sitzt am Niederrhein

Kerzenlicht: Das verspricht stille Andacht, glänzende Kinderaugen vor Adventskranz und Weihnachtsbaum – oder einfach Gemütlichkeit und heißen Tee. Damit wir diesen ruhigen Lichtschein ungestört genießen können, arbeiten Marlene Pollmanns, Marlene Carls und ihre Kollegen mit Ohrenstöpseln.

Sie kümmern sich darum, dass die zu Tausenden lärmenden Klöppel auf den vielen Flechtmaschinen der Westdeutschen Dochtfabrik Stunde um Stunde das produzieren, was eine Kerze erst zur Kerze macht: den Docht.

„Manche Maschinen laufen 24 Stunden, an sieben Tagen in der Woche“, sagt Christian Fried, Geschäftsführer des Nettetaler Unternehmens. Denn die Nachfrage nach den rund 1.000 verschiedenen Dochten ist groß: Die Marke „Wedo“ deckt mehr als ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs, 80 Prozent der Produktion werden exportiert. „Im Ikea-Teelicht aus Polen steckt ein Docht vom Niederrhein“, betont Fried.

Papierfäden im Baumwoll-Docht

Ein professioneller Docht ist viel mehr als nur gefachte, dann geflochtene und schließlich gespulte Baumwolle: Bei manchen Produkten erhöhen zum Beispiel Papierfäden die Stabilität und fördern die Brenneigenschaften.

„Ein reiner Baumwollfaden würde auch brennen“, erklärt Fried, „aber für einen guten Docht ist die chemische Ausrüstung  das  Allerwichtigste: Sie sorgt für einen gleichmäßigen Abbrand, also dafür, dass die Kerze nicht rußt oder tropft – und sie verhindert das Nachrauchen und Nachglühen.“

So passt denn auch nicht jeder Docht zu jedem Wachs. Manche Kerzenhersteller setzen jetzt auf nachwachsende Rohstoffe wie zum Beispiel Palmfette: Damit wollen sie die Preisexplosion beim klassischen Kerzen-Rohstoff Paraffin ausgleichen, einem Erdöl-Nebenprodukt.

Das alternative Kerzenmaterial fordert aber Dochte mit neuen chemischen Präparationen. „Wir haben 2006 etwa 100 neue Produkte entwickelt“, betont Fried, „und die Hälfte davon schon gut verkauft.“

mmer etwas schneller zu sein als die Konkurrenz – dazu treibt der Reserveoffizier, der zuvor schon eine Suppen- und eine Kerzenfabrik gelenkt hatte, die rund 70 Wedo-Mitarbeiter an. Denn in der Kerzen-Industrie tobt ein über den Preis geführter Verdrängungswettbewerb:  „Das ist ein ganz heißes Geschäft“, sagt der Chef.

Wie Produkte aus Nettetal dabei mit Variantenreichtum Maßstäbe setzen, zeigt auch ein Besuch in der Spulerei, in der Doris Pankow gerade fertige Ware von einer Maschine nimmt. Fried erklärt: „Möglich sind 140 Gramm bis 12 Kilogramm Docht pro Spule, der Kunde kann uns den Durchmesser der Spule vorgeben – oder ihr Gewicht oder die Länge des Dochtes.“

Halbe Belegschaft soll über 50 sein

Erst nach einer Acht-Stunden-Schicht ist eine Kilo-Spule geflochten, das entspricht bis zu 1840 Metern Docht. Mit der Wedo-Jahresproduktion könnte man die Welt 15-mal um-wickeln. Geschäftszahlen verrät Fried nicht – macht aber klar, dass keiner um den Job bangen muss: „Wir sind ein strotzgesundes und äußerst in-novatives Unternehmen.“

Damit das so bleibt, setzt er auch auf eine ausgewogene Altersstruktur der Belegschaft: „50  Prozent  über  50,  50  Prozent unter 50“, erklärt Fried, „die Mischung macht’s – das ist genau wie bei einem guten Docht.“

Thomas Hofinger

www.wedowick.de

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