Reportage

Das Grab der Geschichte


Welches Volk steckt seine Vergangenheit in Bierfässer? Wir Deutsche!

Oberried. Bei schönem Wetter ist der mächtige Berg vor den Toren Freiburgs ein beliebtes Ausflugsziel. Wanderer schätzen den Fernblick vom Gipfel in über 1.200 Metern Höhe bis rüber zu Alpen und Vogesen. Der Berg heißt „Schauinsland“.

Schauinsland – das passt! Denn der Berg bietet nicht nur prächtige Aussichten. Sondern auch tiefe Einblicke – in 1.000 Jahre deutsche Geschichte! Im „Barbarastollen“, einer ehemaligen Silbermine im Bauch des Bergs, schlummert das Langzeitgedächtnis unserer Nation: Ein unterirdisches Superarchiv!

Hier wird alles eingemottet, was von Deutschland für die Nachwelt bleiben soll: Urkunden, Staatsverträge, Baupläne. Fast eine Milliarde Dokumente sind im „Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland“ bis heute zusammengekommen, kopiert auf Mikrofilmrollen.

Was heute die Gemüter erhitzt, egal ob „Stuttgart 21“, die Gesundheitsreform oder Hartz IV – eines Tages landet das alles hier im Berg, im kalten Grab der deutschen Geschichte. Während die Tagesaktualität draußen eine Sau nach der nächsten durchs mediale Dorf treibt, herrscht unten ewige Ruhe. Bis die Zeit zeigt, was wirklich wichtig ist. Und was nicht.

Bernhard Preuss drückt das so aus: „Wir archivieren hier unten, damit man sich erinnern kann, wenn wir alle nicht mehr sind. Damit was bleibt von unserer Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur“, sagt der Leiter des Referats Kulturschutz beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz, das den Stollen betreibt.

An diesem sonnigen Oktobernachmittag steht Preuss auf einer kleinen Waldlichtung nahe dem Dörfchen Oberried vor dem einzigen Eingang des Stollens. Ein paar Männer wuseln umher, sie montieren Info-Tafeln, am Wochenende ist „Tag der offenen Tür“ im Stollen, „alle paar Jahre machen wir das“, sagt er. 

Mikrofilme halten mindestens 500 Jahre

Von dort sind es jetzt nur noch 400 Meter bis in die deutsche Vergangenheit. Ein dunkler Gang, Neonfunzeln spiegeln sich in Pfützen, die Schritte hallen wider von der nackten Granitwand. „Das ganze Jahr über ist es hier drin konstant zehn Grad kühl, ideale Bedingungen für uns“, schwärmt Preuss beim Gang durchs Dunkel.

Am Ende des Stollens eine rote Panzertür, 13 Stellen hat der Code, und wer sie öffnet, der denkt, er stünde bei Bitburgers im Kühlkeller. Helles Licht, die Wände weiß verputzt – und der Blick fällt auf rund 1.500 Bierfässer!

Bierfässer? „Ja,  Bierfässer!“, sagt Preuss ganz nüchtern, „rostfreier V2A-Stahl“, der biete einfach den besten Schutz für die Mikrofilme. Mindestens 500 Jahre ließen sie sich so archivieren.

28.000 Kilometer Mikrofilm lagern derzeit im Barbarastollen. „Die Krönungsurkunde Ottos des Großen von 936, Westfälischer Frieden von 1648, die Baupläne des Kölner Doms“, zählt Preuss auf. Irgendwo, in irgendeinem Fass, muss die Ernennungsurkunde Walter Ulbrichts zum DDR-Staatsratsvorsitzenden schlummern, nur ein paar Fässer weiter erwarten Reden von Ludwig Erhard die Ewigkeit. Eine amüsante Nachbarschaft ist das: Der Sozialist neben dem Vater der Sozialen Marktwirtschaft. 

Nachklapp von gut 30 Jahren

Viermal im Jahr bringen Lastwagen Nachschub: neue Fässer, neue Filme. Mit kopierten Statistiken, Akten aus Standesämtern, Gesetzestexten, Kassenbelegen, Kabinettsbeschlüssen. „Mit einem Nachklapp von gut 30 Jahren landet dann alles hier unten“, sagt Martin Luchterhandt, Oberarchivrat in Berlin. Es dauere eben, bis sich die Behörden der Länder von ihren Akten trennten.

Akten und Zahlen: Spannend klingt das nicht. Und doch: Eines fernen Tages könnten die Archivalien helfen, die ganz großen Zusammenhänge zu verstehen. Anhand verfilmter Bevölkerungsdaten wird man den demografischen Wandel belegen können. Und eben auch umstrittene Entscheidungen, wie die Rente mit 67, besser nachvollziehbar machen, über die wir uns heute so aufregen.  

Gegen den Vorwurf, das Superarchiv im Schauinsland konserviere lediglich das Vermächtnis der deutschen Verwaltungen, wehrt sich Luchterhandt daher auch vehement.

„Wenn in 500 Jahren jemand die Fässer öffnet, wird er einen Blick auf unser Alltagsleben werfen können“, sagt er.  Was ein Brot kostete. Wie viel Stütze ein Arbeitsloser bekam. Es wird ein behördlicher Blick aufs Land sein, den das Archiv im Schauinsland vermittelt. Immerhin.

Reinheitsgebot schlummert im Fass

Und selbst dann, wenn diesen Jemand all das nicht interessieren sollte, wird er ja vielleicht die Fässer brauchen können: In einem, irgendwo hier unten, lagert auch das Reinheitsgebot für das deutsche Bier.

 

Info: So wichtig, wie der Vatikan

Auf den ersten Blick sind es nur drei blau-weiße Schilde, vor denen Bernhard Preuss vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz da posiert (siehe Galerie). Doch die Schilde haben Macht: Das dreifache Kulturgut-Schutzzeichen kennzeichnet Orte unter Sonderschutz der UN-Kulturorganisation Unesco. Militär muss sich drei Kilometer fernhalten, in der Luft darüber herrscht absolutes Flugverbot. Neben dem Barbarastollen tragen weltweit nur der Vatikan und das Reichsmuseum in Den Haag dieses Zeichen.

Info: Die Haager Konvention

Eingerichtet wurde der Barbarastollen bei Oberried aufgrund der Haager Konvention von 1954. Diese verpflichtet alle Unterzeichnerstaaten zum Schutz ihres Kulturguts für den Kriegsfall. Der unwiderbringliche Verlust einzigartiger Dokumente durch Kriege oder Naturkatastrophen soll durch  die Einlagerung von Kopien auf Mikrofilm für alle Zeiten verhindert werden.

www.unesco.de/haager-konvention.html

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