Demografie

Das Comeback der alten Hasen


Arbeiten bis 67 – wie sich der Industrie-Betrieb Sauer-Danfoss in Neumünster einstellt

Werner Boike beginnt seinen Arbeitstag üblicherweise mit einem Rundgang durch die Montagehalle. Die Mitarbeiter von Sauer-Danfoss in Neumünster schätzen diese Möglichkeit des Austauschs. Boike nimmt sich Zeit für seine Leute. Er sucht das Gespräch.

Ein Thema, das dann auch zur Sprache kommt: Gesundheit. Zum Beispiel, wenn jemand über Knie- oder Schulterschmerzen klagt. Boike versucht zu helfen. So wie bei Harald Koll. Der 56-Jährige hatte mit einem Bandscheibenvorfall zu kämpfen und musste operiert werden.

„Jetzt habe ich sechs Schrauben im Rückgrat“, erzählt Koll, „aber meine größte Sorge war, nicht mehr arbeiten zu können. Und ich möchte nicht, dass hier jemand Rücksicht auf mich nehmen muss.“

Koll will einfach nur seinen Job machen für Sauer-Danfoss, so wie seit 23 Jahren. Deshalb setzt Boike Koll dort ein, wo dieser seinen Rücken nicht zu sehr beansprucht. Das funktioniert.

Werner Boike ist einer der Leiter im Montagebereich bei dem auf elektronische und hydraulische Antriebssysteme spezialisierten Unternehmen. Das Geschäft läuft gut, pro Jahr werden rund 150.000 Pumpen und Motoren verkauft. Vor allem Antriebssysteme für Fahrzeuge der Bau- und Landwirtschaft kommen aus Neumünster.

30 Prozent  sind über 50

Sich zwischen Produktionsvorgaben und Maschinenlärm um die Mitarbeiter zu kümmern, sieht der 58-jährige Boike als „klassische Führungsaufgabe“. Angesichts der demografischen Entwicklung und der Dis­kus­sion um die Rente mit 67 sind Arbeitsplätze für Menschen in Boikes und Kolls Alter in dem Industriebetrieb ein großes Thema. Und nicht nur dort: Deutschlands Belegschaft wird im Durchschnitt immer älter und muss doch leistungsfähig bleiben.

Bei Sauer-Danfoss sind rund 30 Prozent der in der Produktion beschäftigten Mitarbeiter zwischen 50 und 64 Jahre alt. In zehn Jahren, so die Prognose, könnten es bereits 50 Prozent sein. Eine eigens gegründete Arbeitsgruppe befasst sich deshalb mit dem Thema „Alternsgerechtes Arbeiten“.

Erfahrung wichtiger als Fitness

Die Gruppe denkt unter anderem darüber nach, eine JobRotation nicht nur innerhalb der Montageteams anzubieten. Und es wird überlegt, ältere Mitarbeiter als Betreuer von Projekten einzusetzen.

Arbeitsplätze, bei denen weniger körperliche Fitness als langjährige Erfahrung wichtig ist: Ob sich dieses Modell bei Sauer-Danfoss tatsächlich in größerem Stil umsetzen lässt, wird noch diskutiert. Dass es funktionieren kann, zeigt ein Blick in die Ausbildungswerkstatt. Sie wird seit dem Jahreswechsel von Frank Peters und Martin Linkowski geleitet – der zuvor viele Jahre Leiter von drei Fertigungsinseln war.

„Ich bin sehr früh gefragt worden, ob ich an dieser Aufgabe Interesse habe“, sagt Linkowski. Er empfindet es als Wertschätzung, dass er gefragt wurde. „Dass man mir das zutraut, finde ich klasse – immerhin bin ich mit 57 schon fast ein Grufti.”

Doch für die Personalabteilung war es keine Frage, dass er mit jungen Menschen umgehen kann. Denn dort weiß man, dass er im Sommer in seiner Freizeit Zeltlager für Jugendliche organisiert. Und Nachwuchs auszubilden sei nicht weniger verantwortungsvoll als in der Produktion zu arbeiten, findet Linkowski.

„Dass so offen über alternsgerechte Arbeitsplätze gesprochen und nach Lösungen gesucht wird, ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Mon­tageleiter Boike. Für viele Betriebe gewinnt das Thema erst langsam an Bedeutung.

Sauer-Danfoss dagegen versucht schon lange, seine Belegschaft so gesund wie möglich altern zu lassen. So stehen die Mitarbeiter an den Montagestationen auf Gummimatten statt auf hartem Beton. Und neben den meisten Maschinen hängt eine Transporthilfe.

Teil des Konzepts ist auch, dass in der Kantine gesunde Kost angeboten wird. Wer den Männern allerdings auf die Teller schaut, stellt fest, dass sich viele für Schnitzel mit Bratkartoffeln statt für einen Salat entscheiden. Hier muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Tina Petersen

Der demografische Wandel

Im Jahr 2009 gab es in Deutschland erstmals mehr Einwohner über 65 als unter 20 Jahren. Infolge dieses „demografischen Wandels“ wird sich der Nachwuchs- und Fachkräftemangel deutlich verstärken. Bereits in vier Jahren werden 1,5 Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen als 2010, bis 2025 werden es 6,5 Millionen sein, so die Bundesagentur für Arbeit.

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