Integration

Daimler macht Flüchtlinge fit für den Arbeitsmarkt

Die Aussprache einiger Wörter fällt Omar A. noch schwer, auch die Grammatik verlangt ihm eine Menge ab. Doch ansonsten macht der 36-jährige Syrer, der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, täglich Fortschritte beim Deutsch-Lernen. „So wie alle meine Schüler“, sagt Lehrerin Monica Ackermann.

Ihre „Schüler“ sind gestandene Männer – Flüchtlinge aus Syrien, Somalia, Eritrea, Ägypten, aus dem Irak und dem Iran. Sie sind zwischen 21 und 59 Jahre alt, haben mehrheitlich handwerkliche Berufe gelernt und eines gemeinsam: Sie sind aus Kriegs- und Krisengebieten geflohen und suchen Schutz in Deutschland. Schutz und Arbeit. „Arbeit ist der Schlüssel zur Integration“, sagt Thomas Schweers, Personalmanager bei Mercedes-Benz. Er ist Projektleiter des Brückenpraktikums für Flüchtlinge, das seit Anfang März im Bremer Werk läuft.

Der Autobauer will gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt qualifizieren. Schon zum Jahreswechsel 2015/2016 hatten im Stammwerk Untertürkheim bei Stuttgart 40 Flüchtlinge ein 14-wöchiges Praktikum durchlaufen. Mit Erfolg – die meisten von ihnen haben anschließend von Zeitarbeitsfirmen oder Handwerksbetrieben ein Jobangebot erhalten.

Nun setzt Daimler das Projekt an weiteren Standorten fort. Insgesamt 300 Brückenpraktikanten werden allein im ersten Halbjahr 2016 vorqualifiziert. 40 sind es im Bremer Werk.

Standortleiter Peter Theurer: „Als größter Arbeitgeber der Region übernehmen wir soziale Verantwortung. Wir können dabei auf die interkulturelle Kompetenz unserer Mannschaft bauen, das Miteinander verschiedener Nationalitäten ist bei uns Alltag.“

Deutsch lernen als Voraussetzung für Erfolg

„Die Belegschaft hat von Anfang an mitgemacht“, bestätigt Henning Bornstedt. Als Koordinator für den Einsatz der Flüchtlinge in der Roadster-Montage hält er den Kontakt zwischen Personalabteilung, Projektleitung und Praktikanten.

Davon profitiert auch Hajo S. (37) aus Syrien, der seit Ende 2015 in Bremen lebt. In seiner alten Heimat war er als Landmaschinen-Mechaniker tätig, diese Kenntnisse kommen ihm zugute. „Ich bin in der Montage des SL-Roadster eingesetzt“, erzählt er in fließendem Deutsch. „Die Kollegen unterstützen mich nach Kräften, die Arbeit macht viel Spaß.“

Der Syrer arbeitet ehrenamtlich in einer Kleiderkammer und hat Verwandte in Deutschland, das erklärt seine guten Sprachkenntnisse. Trotzdem braucht auch er den Sprachkurs. „Nur wer Deutsch kann, hat eine Chance“, sagt er.

Deutschunterricht sowie praktische Arbeiten in der Fahrzeugmontage und in der Logistik sind die Säulen des Praktikums. „Wir haben die Flüchtlinge in zwei Gruppen von jeweils 20 Praktikanten eingeteilt“, berichtet Projektleiter Schweers. Eine Gruppe arbeitet in der Montage, die andere in der Logistik.

Das erfolgreiche Praktikums-Projekt soll fortgesetzt werden

An jedem Arbeitsplatz ist ein Zweierteam aktiv. Während ein Praktikant den Deutschkurs besucht, arbeitet der andere in der Produktion. Nach dreieinhalb Stunden wird gewechselt. Schweers: „Damit stellen wir sicher, dass der Arbeitsplatz stets besetzt ist.“

Den Sprachunterricht bezahlt Daimler, ebenso wie die Vergütung auf Basis des Mindestlohngesetzes für die letzten acht Wochen des Praktikums. Die ersten sechs Wochen finanzieren die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Bremen.

Ziel des Brückenpraktikums ist es, die Teilnehmer an Betriebe, Zeitarbeitsfirmen oder in eine Berufsausbildung zu vermitteln. In Stuttgart ist das bereits gelungen, mehr als 30 Teilnehmer aus dem Werk Untertürkheim haben Angebote von Zeitarbeitsfirmen erhalten, und zwei Praktikanten beginnen im Herbst eine Ausbildung bei Daimler.

Diesen Erfolg wollen auch die Bremer Verantwortlichen erreichen. Die Praktikanten haben bereits begonnen, Bewerbungsunterlagen zu erstellen, und sie üben mit ihren Deutschlehrern Vorstellungsgespräche. Am 10. Juni wird es ernst: Dann haben sie erstmals die Möglichkeit, mit potenziellen Arbeitgebern zu sprechen.

Im zweiten Halbjahr will Daimler das Projekt fortsetzen. „In Bremen ist angedacht, im Herbst ein zweites Praktikum anzubieten“, sagt Schweers. Darüber hinaus wird das Unternehmen deutschlandweit 50 zusätzliche Ausbildungsplätze für Flüchtlinge zur Verfügung stellen.

Wichtig dabei: Alle Programme zugunsten der Flüchtlinge gehen über den Bedarf und das übliche Angebot des Konzerns hinaus. Schweers: „Das gewährleistet, dass keinem anderen Bewerber die Chance für eine Beschäftigung beziehungsweise für eine Ausbildung genommen wird.“

Schutzsuchende von heute, so seine Überzeugung, haben das Potenzial, Fachkräfte von morgen zu sein. Eine Aussage, die Omar A. und Hajo S. sicher gern hören. Denn auf die Frage, welches Ziel sie nach dem Praktikum verfolgen, antworten sie beide gleich: „Einen festen Arbeitsplatz finden.“


Mercedes-Benz in Bremen

Neu im Programm: Das Mercedes-Benz GLC Coupé wird künftig ebenfalls in Bremen gebaut. Foto: Werk
Neu im Programm: Das Mercedes-Benz GLC Coupé wird künftig ebenfalls in Bremen gebaut. Foto: Werk

Der größte private Arbeitgeber der Region

Das Bremer Mercedes-Benz-Werk im Stadtteil Sebaldsbrück ist mit über 12.500 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber der Region und zählt zu den weltweit größten Pkw-Produktionsstandorten der Daimler AG.

Das Werk entstand 1938, als der gebürtige Hamburger Carl Friedrich Wilhelm Borgward die „Carl F.W. Borgward Automobil- und Motorenwerke“ gründete. 1971 erfolgte die Übernahme durch Daimler, 1978 rollten die ersten Mercedes-Modelle vom Band.

Bislang wurden am Standort acht verschiedene Modelle produziert: Die Limousine, das T-Modell und das Coupé der C-Klasse, das Coupé und Cabriolet der E-Klasse, der Geländewagen GLC sowie die beiden Roadster SLC und SL. In diesem Jahr kommen mit dem C-Klasse Cabriolet und dem GLC Coupé zwei weitere Modelle dazu. Mit der Erweiterung waren umfangreiche Investitionen verbunden.

Als Kompetenzzentrum für die C-Klasse lenkt das Bremer Werk die weltweite Fertigung der volumenstärksten Mercedes-Baureihe in den Auslandswerken East London (Südafrika), Tuscaloosa (US-Bundesstaat Alabama) und Peking (China). Auch die Produktion des neuen GLC wird von Bremen als Hauptproduktions-Standort gesteuert.

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