M+E Industrie

Brücke nach Osten

Weltkulturerbe: Als Hauptstadt der Oberpfalz überrascht Regensburg außer mit Dom und Steinerner Brücke mit einem breiten Branchenmix. Wie die gesamte Region. Foto: dpa

Die Industrie in der Oberpfalz blickt nach Tschechien

Weiherhammer/Pirk/Regensburg/Tirschenreuth. Mit reizvoller Natur und historischen Altstädten gesegnet. Aber fast ein bisschen zu beschaulich und ab vom Schuss: So sieht das landläufige Image der Oberpfalz aus.

Doch von wegen! Die Region überrascht: mit einer starken Exportquote von 49,5 Prozent. Sie liegt einen Prozentpunkt höher als in ganz Bayern.

Daran hat die Metall- und Elektro-Industrie ihren Anteil: Sie bildet mit jedem vierten Unternehmen das Rückgrat der Oberpfalz. Bayernweit ist knapp jede fünfte Firma in dieser Branche.

Früher Makel, heute ein Vorteil

Einer, der Oberpfälzer Selbstbewusstsein demonstriert, ist Christian Engel. „Wir bieten sehr verantwortungsvolle Jobs und gute Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten.“ Engel führt mit seinem Bruder Lars und Norbert Städele die Geschäfte von BHS Corrugated in der dritten Generation.

Das Unternehmen plant, baut und wartet mit 800 Mitarbeitern Maschinen für Wellpappen-Anlagen und Riffelwalzen in Weiherhammer bei Weiden.

In Weiden stieg die Arbeitslosenquote 2012 als Folge der Konjunkturkrise auch schon über 9 Prozent. Im April 2012 lag sie noch bei 7,3 Prozent. Das ist traditionell höher als in der gesamten Oberpfalz (zuletzt 3,4 Prozent) und in ganz Bayern (3,7 Prozent). Doch immerhin: Der frühere Makel der Grenzregion ist heute ein Vorteil, das zeigt das Beispiel BHS. Die Nähe zu Tschechien ermöglicht ein Nachbarwerk in Tachov mit 220 Mitarbeitern. Wichtig für die Mischkalkulation der Kosten. „Sonst wären wir nicht Weltmarktführer“, betont Engel.

Erfolge, die einen Wandel zeigen, der zur wechselvollen Geschichte der Oberpfalz passt: Aus Europas Mitte rückte sie nach dem Zweiten Weltkrieg wegen des „Eisernen Vorhangs“ an den Rand – und mit der Wende 1989 wieder zurück ins Zentrum. Seitdem leben die Beziehungen Richtung Osten wieder auf.
Mehr Internationalisierung sei auch ein Anreiz für Mitarbeiter zu bleiben und sich innerhalb der Firma zu entwickeln, sagt Geschäftsführer Engel.

Daher unterstützt BHS aktuell vier Meister, die parallel zu ihren Jobs studieren. Für den frühen Austausch gibt es eine deutsch-tschechische Fachklasse mit je acht Auszubildenden beider Länder.

Sie alle machen den deutschen Abschluss zum Industriemechaniker. Das von BHS initiierte „Überbetriebliche Bildungszentrum in Ostbayern“ floriert und wird bald ausgebaut.

Junge Leute gewinnen und halten

Genau diesen Weg weiterzugehen, empfiehlt das Kölner Beratungsunternehmen IW Consult den Oberpfälzern: Mehr Firmenkontakte untereinander und engeres Vernetzen mit Forschungspartnern sind entscheidend. Auch, um das Abwandern junger Leute aus der Region zu verhindern. „Denn wer einmal weg ist, kommt sehr selten zurück“, stellt Cornelia Uschold fest. Die Ausbildungs­chefin von Constantia Hueck, einem Folienhersteller mit 800 Mitarbeitern in Pirk bei Weiden, bietet deshalb seit 2009 Schülern die „Bunte Nacht der Ausbildung“.

Lehrlinge berichten dort an einem September-Abend von ihren Berufen. Zum Abschluss erleuchtet ein Feuerwerk an der Naab das Constantia-Werk, das von dem Fluss umschlossen ist.

Praktikum-Stellen und Hochschulmessen dienen ebenfalls der Fachkräfte-Suche. „Die dauert heute länger“, bemerkt Personalchef Michael Staab vom Automobilzulieferer Continental in Regensburg.

„Mitarbeiter vergleichen Jobangebote, weil sie mehr auf Perspektiven für ihre Karriere achten.“ Diese sehen in Stadt und Landkreis Regensburg sowie dem Landkreis Neumarkt überdurchschnittlich gut aus.

Ein bis zwei Autostunden zu den Großstädten


Allein der Automobilkonzern BMW erweiterte sein Regensburger Werk 2011 für 155 Millionen Euro. Im vergangenen November feierten 8.300 Mitarbeiter 25 Jahre Standort-Jubiläum.

Regensburgs Sonderrolle sieht zum Beispiel Udo Kasseckert, Personalleiter des Walzenproduzenten Hamm, aber ganz entspannt. Vom Firmensitz in Tirschenreuth am nördlichen Rand der Oberpfalz aus sei man in einer Stunde in der Domstadt. „Aber eben auch in Nürnberg oder Prag in knapp zwei Stunden“, berichtet Kasseckert. Dafür seien Mieten und Lebenshaltung günstiger. „Wer hier ist, bleibt gern.“



  • In der Oberpfalz leben 1,08 Millionen Menschen. Das sind 9 Prozent der bayerischen Bevölkerung. Damit steht die Oberpfalz auf Platz 6 der sieben Bezirke, flächenmäßig auf Platz 4.
  • Eine Studie der IW Consult zeigt für Stadt und Landkreis Regensburg sowie Neumarkt Spitzenwerte in Zukunftsbranchen wie Fahrzeugbau und firmennahen Dienstleistungen.

  • Verbesserungswürdig ist laut Studie die Schienenanbindung, Pläne gibt es bereits. Ausgebaut wird auch die Autobahn 3: von Regensburg bis Rosenhof auf sechs Spuren.






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