Innovation

Bombensicher!


Textiler Container für die Luftfahrt hält Kofferbomben aus

Chemnitz. Wer schon länger im Berufsleben steht, bei dem weckt das Stichwort „Lockerbie“ düstere Erinnerungen. Jüngeren Kollegen muss man das kurz erklären: 270 Menschen starben 1988 bei einem Anschlag auf ein Passagierflugzeug; als es den schottischen Ort Lockerbie überflog, detonierte in einem Koffer versteckter Sprengstoff.

Heute könnte ein Flugzeug so eine Explosion unbeschadet überstehen. Wenn denn sein Gepäckraum nicht mit den üblichen Alu-Containern, sondern mit einem brandneuen Textil-Packsack ausgerüstet ist! Das verspricht jedenfalls Petra Franitza, Projektleiterin am STFI Chemnitz. „Die Explosion schlägt nicht durch“, sagt sie, „es gibt also kein Loch – weder in unserem Container noch im Flugzeug.“

Das weiß Franitza deshalb so genau, weil sie dabei war, als Bomben hochgingen – im Prototyp der „Fly-Bag“ getauften Innovation.

Explosion gut überstanden

Auch der TV-Sender „Euronews“ war bei dieser Feuertaufe auf dem Gelände einer britischen Firma dabei. Seine Filmaufnahmen zeigen, wie der innovative Frachtbehälter von der Wucht der Explosion gewaltig durchgeschüttelt wird. Wie er sich mächtig ausbeult. Wie dann erst mit Verspätung langsam Gase entweichen. Und wie der feuerfeste Fly-Bag äußerlich unversehrt bleibt. Kein Splitter dringt nach außen – obwohl von den Koffern im Inneren nicht mehr viel übrig ist.

Die Grundidee, die das möglich macht, erklärt Franitza so: Durch Kombination spezieller Materialien wird ein „verzögerter und gerichteter Abbau der Druckwelle“ möglich – die Explosion verpufft sozusagen, ohne größere Schäden anzurichten.

Der Fly-Bag-Boden besteht aus in Dänemark und Schweden entwickelten Faserverbundkunststoffen. Der eigentliche Packsack besteht aus einer mehrlagigen Struktur hochfester textiler Flächen. Laut Franitza werden dafür unter anderem Aramidfasern verwendet, wie man sie zum Beispiel von Panzerwesten kennt. Und hochkristalline Polymere, die auch in Seilen zum Einsatz kommen.

Acht Partner aus fünf Ländern

Alles in allem ist die textile Wand des Containers, für deren Entwicklung das STFI zuständig war, nur einen halben Zentimeter dick!

Insgesamt acht Partner aus fünf europäischen Staaten haben unter italienischer Leitung mehr als zwei Jahre an dem Fly-Bag getüftelt. Die EU förderte dieses Projekt mit 2,2 Millionen Euro.

„Der Anstoß kam von uns“, betont STFI-Forschungsleiterin Heike Illing-Günther, „und wir freuen uns jetzt über eine sehr große positive Resonanz.“ Der Gewinn eines Innovationspreises der anstehenden Messe Techtextil 2011 deutet an, dass der starke Stoff eine große Zukunft vor sich haben könnte.

Ideen für weitere Produkte

Wobei Illing-Günther nicht nur an die Luftfahrt denkt, sondern auch an andere Anwendungen etwa in Sachen Arbeitssicherheit: „Schutz für Druckbehälter, Schutz für Bomben-Entschärfer, faltbare Vorrichtungen gegen verschiedenste Explosionen“.

Solche Produkte könnten womöglich sogar schneller zum Einsatz kommen als die eigentliche Erfindung für die ja streng reglementierte Luftfahrt: „Es gibt dafür noch kein passendes Zulassungsverfahren“, bedauert Illing-Günther. Die Chemnitzer Forscher sind darüber aber schon im Gespräch mit der EASA, also der Europäischen Agentur für Flugsicherheit in Köln.

 

www.fly-bag.net

Info: Gemeinnützige Forschungseinrichtung

Chemnitz hat eine lange Textilgeschichte – und das gemeinnützige Sächsische Textilforschungsinstitut (STFI) an der Technischen Universität einen Vorläufer: das Forschungsinstitut für Textiltechnologie (FIFT). 1992 schloss es sich mit dem Dresdner Institut für Technische Textilien zusammen, an der Gründung waren zwei Dutzend Unternehmen und Einrichtungen der sächsischen Textilindustrie beteiligt. Das industrienahe Institut hat 115 Mitarbeiter, darunter 50 Wissenschaftler, und hält rund 50 aktive Patente.

www.stfi.de

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