Reportage

Bochum: Ein Jahr nach Nokia


230 Ex-Nokianer wollten sich mit dem Aus nicht abfinden. Und nahmen ihr Schicksal in die Hände

Was ist hier los? Warum arbeiten die nicht?“ Als die Produktionsmitarbeiterin Maria Budkammer am frühen Morgen des 14. Januar 2008 das Bochumer Nokia-Werk betritt, spürt sie, dass etwas anders ist als sonst. In kleinen Gruppen stehen die Nokianer vor den Werkhallen, tuschelnd, gestikulierend, manche weinen. Eine Kollegin tritt aus einer der Gruppen: „Hast du schon gehört, Maria?“

„Was denn?“

„Die machen uns dicht! Nokia macht Bochum dicht!“

Das ist der Moment, an dem sich dieser Morgen für immer ins Gedächtnis der Maria Budkammer einbrennt: „Jetzt ist alles vorbei, jetzt bist du arbeitslos. Und bleibst es.“ Budkammer war geschockt.

Die Gegenwart: Bochum-Riemke, ehemaliges Nokia-Gelände. Die Finnen sind längst weg, vor genau einem Jahr verlagerten sie ihre Handy-Produktion vom Ruhrpott endgültig ins billigere Rumänien.

In einer der Produktionshallen aber herrscht emsige Betriebsamkeit. Mitarbeiter in weißen Kitteln wuseln zwischen Produktionsanlagen, in ihren Händen halten sie mit kleinen Elektronikbauteilen bestückte Spulen, mit denen sie unablässig die Maschinen füttern. Auch Maria Budkammer ist darunter. „Ich hatte Glück, hatte hier doch noch eine Zukunft“, sagt sie. Die aber heißt längst nicht mehr Nokia. Sondern Novero.

Die Skeptiker sind verstummt

Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, hat sich in Bochum-Riemke nach dem Nokia-Abgang ein kleines Wirtschaftswunder ereignet. Hintergrund: Mit der Aufgabe des Standorts stand auch die Abteilung „Automotive“ vor dem Aus. Weil deren Geschäft, die Entwicklung und Produktion von Auto-Freisprechanlagen, aber gut lief, beschloss eine Handvoll Nokia-Mitarbeiter, es auf eigene Faust zu probieren. Nach zähen Verhandlungen stimmte Nokia einem Verkauf der Automotive-Sparte zu. Monate des Bangens später ist im Juni 2008 klar: Für die 230 Mitarbeiter der Abteilung geht es weiter. In einer eigenständigen Firma: Novero.

„Die leben nicht lange“, unkten Skeptiker damals. Mittlerweile sind sie verstummt: Seit gut einem Jahr entwickelt und produziert Novero mit Volldampf, liefert seine Freisprechanlagen und Multimedia-Einheiten derzeit an 50 Automobilwerke in ganz Europa. Zu den Ex-Nokianern sind bislang 50 neue Kollegen hinzugekommen, 30 weitere sollen bis Ende des Jahres noch eingestellt werden. Der Laden brummt.

„Man konnte ahnen, dass Übles passiert“

Ein paar Hundert Meter von der Halle entfernt liegt der Glasbau der alten Nokia-Zentrale, vor der jetzt rote Novero-Fahnen im Wind flattern. Die Tür eines Konferenzraums im Erdgeschoss fliegt auf, herein stürzt der Vater des Novero-Märchens. Geschäftsführer Razvan Olosu ist – welch feine Schicksals-Ironie – gebürtiger Rumäne und sieht gerade etwas müde aus. Seit Monaten hetzt der 49-Jährige von Termin zu Termin, 16 Stunden dauert sein üblicher Arbeitstag. „Aber wir alle haben harte Monate hinter uns“, sagt Olosu.

Rückblende: Als im Januar 2008 die Nachricht vom drohenden Aus die Runde macht, ist Olosu nicht überrascht. „Es hatte schon vorher Anzeichen gegeben, man konnte ahnen, das etwas Übles passiert.“

Olosu, damals Chef der Automotive-Sparte, handelt sofort. Er trommelt die komplette Belegschaft seiner Abteilung in einer Halle zusammen, stellt sich auf ein Podest: „Wir können unser Schicksal selbst in die Hände nehmen. Lasst es uns anpacken.“

Die eigene, vorgezeichnete Karriere im Nokia-Konzern gibt er auf, konzentriert sich total auf die Gründung von Novero, verhandelt mit Nokia, mit Bankern, Anwälten.

Zwölf neue Produkte in zwei Jahren

Und auch die Produktionsmitarbeiter ziehen voll mit. Während die letzten Nokia-Aufträge noch abgearbeitet werden, bereiten sie gleichzeitig in einer leeren Halle den Aufbau der Novero-Produktionslinien vor. „Nachts, an Wochenenden, feiertags“, erinnert sich Maria Budkammer. „Alle zogen an einem Strang, unermüdlich, das war wie ein Triebwerkwechsel an einem Jet in 10.000 Metern Höhe“, sagt Olosu.

Heute erscheinen die Aussichten für das junge Unternehmen glänzend. Seit ein paar Wochen arbeitet Novero im Dreischichtbetrieb, die Auftragsbücher sind voll.

Zwölf neue Produkte auch abseits der Erzeugnisse für die Auto-Industrie wollen die Bochumer in den nächsten zwei Jahren auf den boomenden Markt für Mobil-Kommunikation bringen. Schon die erste „Eigenentwicklung“, ein edles Bluetooth-Headset fürs Handy mit dem bezeichnenden Namen „The first one“, erntete großes Lob.

„Wir wollen nicht nur funktionale Produkte machen wie die anderen“, sagt Olosu. „Design, Lifestyle, Schönheit – das soll unsere Marke ausmachen.“ Das Novero-Märchen – es scheint, als würde es gerade erst beginnen ...

Ulrich Halasz

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