Altkleider

Bis aufs letzte Hemd


Textil-Recycling: Besuch im weltweit modernsten Werk

Was wir nicht mehr anziehen wollen, wird anderswo gerne getragen: Mit Altkleidern lässt sich Geld verdienen. Extrem effizient macht das der deutsche Marktführer vor. AKTIV hat sich in seiner riesigen Sortier-Maschine umgesehen.

Was Ingrid Kretschmer, Petra Bork und einige Hundert andere Frauen während der Arbeit tun, hört sich zunächst seltsam an: Sie werfen mit Wäsche. Sie arbeiten zügig. Sie zielen genau. Und sie treffen praktisch immer: Sie sind das Herz einer großen Sortier-Maschine.

Das Textil-Recycling-Werk der Firma SOEX in Bitterfeld-Wolfen ist laut Geschäftsführer Wolfgang Hirschfeld „das modernste der Welt“. Ein Zehntel aller deutschen Altkleider landet hier: 70.000 Tonnen pro Jahr! Allein die Hälfte stammt aus Sammlungen des Deutschen Roten Kreuzes.

Handarbeit hat Zukunft

Die meisten der abgelegten Klamotten sind so gut in Schuss, dass sie einfach in alle Welt verkauft werden können. Dafür werden sie aber penibel gesichtet. Und die zentrale Tätigkeit, das Sortieren, kann kein Roboter so gut wie die angelernten Frauen: „In den nächsten 15 Jahren wird sich an dieser Handarbeit wohl nichts ändern“, schätzt Betriebsleiter Frank Butte.

Das mit dem Werfen ist nämlich kniffliger, als es scheint. Treffsicherheit genügt nicht – nötig ist ein geschulter Blick, um schnell entscheiden zu können, was wo landen soll.

In der ersten Stufe wird nur grob unterschieden, zum Beispiel zwischen Kinderkleidung und Haushaltstextilien; zwei Dutzend Kategorien gibt es. „Ungelernte brauchen drei Monate, um hier arbeiten zu können“, weiß Butte. Wer bleiben will, muss in acht Stunden 3,2 Tonnen schaffen: „Die Mitarbeiter kriegen jeden Tag ihre Leistungszahlen genannt.“

Eben fordert eine Frau, kurz bevor sie ihren Kleiderhaufen ganz verteilt hat, per Knopfdruck Nachschub an. Der fährt automatisch zu ihr – in einem der vielen gelben Transportbeutel, die langsam durch die Hallen wandern. Sie bewegen sich in einem kilometerlangen Schienennetz, das an der Decke hängt.

Anfänger geben oft auf

Etwas Kleiderstaub liegt in der Luft, sonst stört die Nase nichts – obwohl die Wäsche vor dem Sortieren nicht gewaschen wird. Das sei nicht nötig, sagt Butte: „Entsorgte Ware kommt bei uns ja in der Regel aus dem Kleiderschrank.“

Das Sortieren schafft die meisten Jobs im Betrieb. Mit rund 600 Beschäftigten ist SOEX ein wichtiger Arbeitgeber am Ort. Einerseits bietet die Firma Menschen ohne berufliche Qualifikation die Chance auf eine tarifgebundene Vollzeit-Stelle. Andererseits geht es um langes Stehen und um ein rollierendes Schichtsystem.

Und so ist der Krankenstand hoch, wie Butte offen berichtet, Anfänger geben oft auf. Im-merhin sei aber ein Zehntel der Belegschaft schon seit dem Produktionsbeginn vor nunmehr elf Jahren an Bord.

Wer sich beim Vorsortieren bewährt, kann in die besser bezahlte Feinsortierung wechseln. Die Sache mit dem Werfen ändert sich nicht, aber es bleibt mehr Zeit pro Teil – denn nun wird noch genauer hingesehen. Allein für Hosen gibt es mehr als  40 Kategorien; gut 360 Artikelgruppen sind es insgesamt.

Die Sortiertiefe, die bewegte Menge von 300 Tonnen täglich und eine ausgeklügelte Produktionssteuerung erlauben laut Butte „auftragsbezogene Produktion“. SOEX kann Be-stellungen erfüllen, die der Laie von diesem Business nicht erwartet hätte: So verlassen Kleiderballen das Werk, die nur Lederjacken oder auch nur Hawaii-Shorts enthalten.

Die größten Abnehmer? „Af-rika, Nahost und Osteuropa“, zählt Geschäftsführer Hirschfeld auf, „ungefähr 70 Länder“. Bestellmenge? „Mindestens ein Container“, sagt Betriebsleiter Butte. Das kann dann auch mal ein Container mit Kuscheltieren sein, wie sie sich oft in den Altkleidersäcken finden.

Staub für Zement-Werke

Untragbare Ware liefert das Werk an Putzlappen-Hersteller. Die letzten Fetzen landen zigtonnenweise in der hauseigenen Reißerei. Dort werden sie mehrfach zerhackt. Das Ergebnis: Faser-Mischungen für die Industrie, sie landen zum Beispiel in Auto-Sitzpolstern.

Der entstehende Staub hat einen hohen Brennwert und wird laut Hirschfeld zu Ersatz-Brennstoff etwa für Zement-Werke. Nur Knöpfe & Co. zeugen dann noch von dem, was in den Kleidersäcken war (die Plastikbeutel selbst werden üb-rigens nach China geliefert, in 500-Kilo-Packen).

Die riesige Sortier-Maschine ist der wichtigste Betrieb der SOEX-Gruppe. Die ist im Be-sitz der Familie Ohanian und beschäftigt 2.500 Menschen in 14 Staaten. Im US-Staat Kalifornien entsteht ein Werk nach ostdeutschem Vorbild: „Es soll eine vergleichbare Größenordnung erreichen“, kündigt Hirschfeld an. In einer kleineren Anlage gehen schon heute 200 Amis der speziellen SOEX-Tätigkeit nach – dem Werfen mit Wäsche.

Thomas Hofinger

Info: Wo alte Klamotten jetzt ein paar Euro bringen

Es gibt eine neue Möglichkeit, Altkleider loszuwerden: Einige Handelsketten, darunter die Adler-Modemärkte und Mister Minit, nehmen gebrauchte Textilien oder Schuhe an – und entlohnen die Kunden dafür mit Gutscheinen. Ein Beispiel: Für „eine kleine Tüte“ gibt es bei Adler einen 1-Euro-Bon, pro 10 Euro Einkaufswert kann ein Gutschein eingelöst werden – so ergibt sich ein 10-Prozent-Rabatt. Hinter der Sammel-Aktion namens „I:CO“ steckt eine kleine Schweizer Firma. Ihr großer Partner: die SOEX Textil-Vermarktungs GmbH.

www.i-co.ag

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