Fachkräfte-Nachwuchs

Bildungskongress in Hannover: Die Industrie hält das Turbo-Abitur in der heutigen Form für gescheitert

Hannover. In nur acht Jahren zum Abitur? Im Jahr 2004 setzten nicht wenige in Niedersachsen große Hoffnungen in das Projekt „G8“. Inzwischen zeigen Studien: Turbo-Abiturienten weisen gegenüber G9-Schülern Defizite in Mathematik und bei der Persönlichkeitsentwicklung auf.

Eine Studie des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Hannover zeigt vor allem bei Frauen eine Verzögerung der Studienaufnahme. Eine Folge von G8 seien häufig Orientierungslosigkeit und Verunsicherung, sagte der Direktor des Instituts, Professor Stephan Thomsen, am Rande des ersten Bildungskongresses der Stiftung NiedersachsenMetall und des Arbeitgeberverbands der Niedersächsischen Metall- und Elektro-Industrie.

Eine Umfrage der Arbeitgeber unter rund 800 Betrieben hat ergeben, dass sich 72 Prozent der Befragten eine Wahlfreiheit zwischen verkürztem G8 und dem „konventionellen“ Abitur nach neun Jahren wünschen. Ernüchterndes Fazit von Olaf Brandes, Geschäftsführer der Stiftung NiedersachsenMetall: „G8 ist in dieser Form gescheitert.“

Nach Auffassung eines Viertels der Metall- und Elektro-Betriebe, auch das belegt die Umfrage, hat sich das Qualifikationsniveau der Abi­turienten verschlechtert. Und 39 Prozent der befragten Personal- und Unternehmenschefs beklagen Defizite bei Sozialverhalten, Urteilskraft und persönlicher Reife des G8-Nachwuchses.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil steht dem verkürzten Abitur ebenfalls skeptisch gegenüber. Er forderte auf dem Bildungskongress, „den gymnasialen Alltag zu entstressen“. Bildung sei ein Schlüsselthema für die Zukunft – und die wichtigste Ressource für ein Land wie Deutschland, das nicht in nennenswertem Umfang über Bodenschätze verfüge. Bildung brauche mehr Zeit und mehr Qualität, betonte der Ministerpräsident.

Er will den Ausbau der Ganztagsschulen fördern und mehr Lehrer fortbilden. Zudem soll eine Expertenkommission ausloten, wie der Weg zum Abitur künftig verändert werden kann.

Zu den Voraussetzungen für effektives und erfolgreiches Lernen zählt Professor Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg, vor allem gute Lehrer. Sie zeichnen sich seiner Meinung nach durch Vorbild, Expertise und Lust am Beruf aus. Lehrer seien gut, wenn sie Persönlichkeit und Fachkompetenz miteinander vereinten.

Vor den insgesamt 300 Teilnehmern des Kongresses forderte der TV-Moderator (und vierfache Vater) Ranga Yogeshwar, die Schulen umzubauen und die Prio­ritäten neu zu setzen. Es müsse Schluss sein mit Monotonie und Kahlschlag in der Bildungspolitik. Und es könne nicht angehen, mehr Geld in die Begrünung von Autobahnrändern zu investieren als in die Bildung. Zur Diskussion um das verkürzte Abi meinte Yogeshwar: „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“


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