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E-Book statt Schulbuch

Bildung: Macher von Unterrichtsmaterialien entwickeln digitale Produkte

In einem Berliner Gymnasium testeten Achtklässler Lernsoftware für den Englischunterricht. AKTIV hat mit den Entwicklern gesprochen – und erfuhr, wie sich die Schulbuchverlage auf die Digitalisierung einstellen.

Derzeit noch die Ausnahme: Schüler, die im Unterricht mit dem Tablet lernen. Foto: Adobe Stock

Derzeit noch die Ausnahme: Schüler, die im Unterricht mit dem Tablet lernen. Foto: Adobe Stock

Praxistest: Achtklässler in Berlin ­arbeiten mit neuer Lernsoftware. Foto: Schraff

Praxistest: Achtklässler in Berlin ­arbeiten mit neuer Lernsoftware. Foto: Schraff

Berlin. Sie sitzen vor ihren Laptops und üben englische Grammatik: 28 Achtklässler eines Berliner Gymnasiums markieren per Mausklick Satzteile und ziehen sie in ein Kästchen. Noch ein Klick, und die erledigte Aufgabe erscheint zur Korrektur auf dem Laptop des Lehrers.

„Wir erleben eine Zeit des digitalen Umbruchs im Bereich der Bildung“ Meike Kolle, Cornelsen-Verlag

An einigen Schulen in Deutschland ist das digitale Klassenzimmer bereits Realität, vielerorts wird es getestet. Doch woher kommen die neuen digitalen Inhalte für den Unterricht? Die drei großen Schulbuchverlage in Deutschland – Cornelsen, Ernst Klett und Westermann – entwickeln mit Hochdruck digitale Schulbücher und mehr.

Interaktive Lern-Apps und Plattformen für Lehrer

„Wir erleben eine Zeit des digitalen Umbruchs im Bereich der Bildung“, sagt Klett-Sprecherin Anja Vrachliotis. „Fast alle Bundesländer sind auf der Suche nach Lösungen für die Schulen.“ Doch bis ein Produkt marktreif ist, dauert es mitunter Jahre.

Den digitalen Mehrwert im Auge behalten

„Das Wichtigste für uns Redakteure ist, dass wir den digitalen Mehrwert im Auge behalten“, erläutert Cornelsen-Mitarbeiterin Meike Kolle, die neue digitale Materialien entwickelt. „Wir stützen uns auf unsere Print-Lehrwerke, haben also schon ein didaktisch ausgefeiltes Fundament. Da wollen wir jetzt nicht einfach bunte Bilder und Klickstellen draufkleben, sondern überlegen, wie wir digital verändern können, damit es ein echter Vorteil wird, in der Klasse mit Laptops oder Notebooks zu arbeiten.“

Elektronische Schulbücher sind schon seit rund fünf Jahren auf dem Markt, in der Regel als PDF-Datei. Außerdem gibt es interaktive Lern-Apps etwa zur Vorbereitung auf das Abitur oder Plattformen für Lehrer zur Unterrichtsgestaltung.

Digitaler Mehrwert: Das sind etwa zusätzliche Multimedia-Inhalte wie Filme, Audio-Dateien und Internet-Links – oder Möglichkeiten neuartiger Aufgabenstellungen. „Es ist genau diese Veränderung, die den wahren Nutzen ausmacht“, ist Cornelsen-Redakteurin Kolle überzeugt.

Doch in Deutschland hat noch immer jede fünfte Schule kein Internet. Oft mangelt es an Ausstattung mit Computern oder Tablets. Die digitalen Produkte bringen derzeit nur kleine Umsätze. „Wir glauben aber, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird“, sagt Kolle.

Ein wenig Schwung kommt bereits in das Geschäft, auch weil die Erwartungen an das digitale Klassenzimmer groß sind. „Bei den Schülermaterialien beobachten wir langsam eine steigende Nachfrage“, sagt Klett-Sprecherin Vrachliotis.

Uni Tübingen forscht zu digitalem Unterrichtsmaterial

In den nächsten Jahren, ist man bei Cornelsen überzeugt, wird der Markt sich stark verändern. „Wir sehen, dass digitale Medien den großen Vorteil bieten, individueller zu fördern“, sagt Kolle. Besonders wichtig für die Verlage ist es, Erfahrungen aus dem praktischen Unterricht zu sammeln, etwa über Kooperationen mit Schulen oder Lehrern. „Wir sind in verschiedenen Pilotprojekten in Deutschland aktiv“, sagt Vrachliotis. „Es ist einfach gut, die Bedürfnisse zu kennen.“

Hilfestellung leistet auch die Wissenschaft. So erforscht in Tübingen das Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), was gute digitale Unterrichtsmaterialien ausmacht. Eine Erkenntnis: Um jeden Preis sollte man die vielfältigen Gestaltungsoptionen wie Dynamik und Interaktivität nicht nutzen: „Technikverliebtheit ist hier fehl am Platz. Der Fokus sollte immer auf dem zu unterstützenden Lernprozess liegen“, betont IWM-Wissenschaftlerin Juliane Richter.

Auch Redakteurin Kolle räumt ein: „Diese Gratwanderung ist vielleicht die größte Herausforderung.“


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Zwar nutzen fast alle Schüler ein Smartphone. Mit digitalen Medien sicher umgehen, können aber nur wenige, so ein Gutachten des Aktionsrats Bildung. Digitale Inhalte müssen daher fester Bestandteil aller Lehrpläne sein.

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