M+E-Industrie

Beweglich bei der Arbeitszeit


Der schwäbische Maschinenbauer Trumpf hat sich gegen das Auf und Ab der Konjunktur bestens gewappnet 

Ditzingen/Hettingen. Auf externe Prognosen gibt Nicola Leibinger-Kammüller eher wenig. „Ich vertraue lieber unserer eigenen Marktanalyse und meinem Gefühl“, sagt die Chefin des Maschinenbauers Trumpf. Gefühlt ist die Lage hier bestens: „Wir sind klar auf Wachstumskurs – für die nächsten Jahre rechnen wir mit jeweils über 10 Prozent Umsatzwachstum.“

Der Weltmarktführer für Werkzeugmaschinen und Lasertechnik in Ditzingen bei Stuttgart setzt auf Expansion; gerade hat er seine Produktionsfläche in seinem drittgrößten Absatzmarkt China verdoppelt. Doch LeibingerKammüller weiß auch: „Die Konjunkturzyklen werden kürzer, die Ausschläge heftiger. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch für das Szenario eines Abschwungs vorbereitet sind.“

Der neue Pakt ist ein Geben und Nehmen

Nach dem Motto „Man soll das Dach renovieren, wenn die Sonne scheint“ hat Trumpf ein bemerkenswertes Flexi-Paket geschnürt: das „Bündnis für Arbeit 2016“. Aufgrund einer Betriebsvereinbarung arbeiten die 4.900 Trumpf-Mitarbeiter an den deutschen Standorten pro Woche anderthalb Stunden länger. Im Gegenzug erhalten sie eine Job-Garantie bis 2016, Extras bei Qualifizierung und Altersversorgung. Außerdem, das ist neu, gibt es beispiellose Freiheiten in Sachen Arbeitszeitflexibilität.

„Unser neues Arbeitszeitmodell ist bundesweit einmalig“, sagt Steffen Braun, Leiter des Werkes Hettingen, das mit rund 500 Mitarbeitern Stanzmaschinen und Laserrohrbearbeitungsmaschinen fertigt. Dank der Vereinbarung könne Trumpf noch flexibler als bisher auf mögliche Auftragsschwankungen reagieren; gleichzeitig profiliert man sich als attraktiver Arbeitgeber.

Drei Viertel wollen länger arbeiten

Alle zwei Jahre kann jeder Beschäftigte seine Wochenarbeitszeit und damit sein Einkommen neu festsetzen – zwischen 15 und 40 Wochenstunden. Außerdem kann er bis zu 1.000 Stunden auf dem „Familien- und Weiterbildungszeitkonto“ sammeln und dann Auszeiten von bis zu sechs Monaten nehmen.

„Auch noch längere Auszeiten in Form eines Sabbaticals sind möglich“, sagt Werkleiter Braun: „Niemand muss Nachteile bei der Karriere befürchten.“ Dass die neuen Freiheiten auch wirklich im Alltag genutzt werden, dafür will Firmenchefin Leibinger-Kammüller persönlich sorgen: „Wir werden die Führungskräfte davon überzeugen.“

Die Arbeitnehmer-Vertretung lobt die Vereinbarung als fairen Deal. „Die neue Arbeitszeitregelung ist gerade für junge Familien von Vorteil“, sagt Renate Luksa, die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates. Seit dem Inkrafttreten der Vereinbarung im Juni 2011 bekommt Trumpf doppelt so viele Bewerbungen wie zuvor; die geringfügige Mehrarbeit wirkt also offensichtlich nicht abschreckend. Bezeichnend: Von den rund 300 Mitarbeitern, die ihre Arbeitszeit bereits neu festgesetzt haben, entschieden sich drei Viertel für zusätzliche bezahlte Arbeitsstunden.

Flexible Fertigung

Nur einer von vieren also wollte lieber weniger arbeiten und weniger verdienen. Werkleiter Braun hat seit kurzem einen Mitarbeiter, der 25 Stunden wöchentlich arbeitet, einen mit 28 und zwei mit 30 Stunden. „Das macht die Planung der Produktion nicht gerade einfacher“, räumt er ein. Dennoch ist er sich sicher, dass Trumpf damit gut fährt.

In der Maschinenbau-Krise Mitte der 90er-Jahre musste Trumpf noch Personal entlassen. Den Einbruch 2008/2009 bewältigte man dagegen ohne Personalabbau: mit einer Fertigung in Produktionseinheiten, die jederzeit stufenlos heruntergefahren werden kann; mit Arbeitszeitkonten, Innovationen und einer Marktoffensive in Asien.

Der neue Pakt setzt mit den maßgeschneiderten Arbeitszeiten noch einen drauf; zudem wurde der Korridor der normalen Zeitkonten auf minus 250 bis plus 350 Stunden vergrößert. „Bei einem Abschwung“, so Braun, „könnten wir sofort reagieren.“

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang