Ausbildung neben der Arbeit

Beim Motorsägen-Hersteller Stihl können Ungelernte nebenbei ihre Ausbildung nachholen

Waiblingen. Ismir Duratovic kontrolliert Freischneider: Diese Geräte machen mühelos sogar holziges Gestrüpp platt. Das Unternehmen Stihl, vor allem bekannt für seine Motorsägen, fertigt sie hier in Waiblingen. Duratovic ist einer von weltweit fast 14.000 Mitarbeitern, die bei Stihl beschäftigt sind. Eingestiegen ist er im Jahr 2000 als Ungelernter. Bald ist er Industriemechaniker, die Ausbildung macht er neben der Arbeit.

„Ich habe ursprünglich in Bosnien eine Ausbildung zum Kellner gemacht“, sagt er, „aber die ist in Deutschland nicht viel wert.“ Eine gute Ausbildung ist ihm aber wichtig – deshalb büffelt er vor oder nach der Schicht und drückt die Schulbank. „Im Februar ist die praktische Prüfung“, erzählt er stolz, „dann bin ich fertig.“ Stihl gibt an- und ungelernten Arbeitskräften die Möglichkeit, sich nebenberuflich und nachträglich zum Industriemechaniker zu qualifizieren.

Auch befristet Beschäftigte können das Angebot nutzen – der Betriebsratsvorsitzende Marcus Retter freut sich: „Selbst wenn die Befristung ausläuft, kann man die Ausbildung noch abschließen.“

Qualifizierungszeit wird gutgeschrieben

Unternehmensleitung und Betriebsrat haben hier schon vor 15 Jahren per Betriebsvereinbarung ein kollektives Qualifizierungskonto eingerichtet, auch für andere Weiterbildungsmaßnahmen: Als Ausgleich für zusätzliches Arbeitsvolumen – denn die 35-Stunden-Woche dürften sonst maximal 18 Prozent der Beschäftigten überschreiten.

Stihl unterstützt die Lernenden etwa dadurch, dass sie einen Teil der Qualifizierungszeit als Arbeitszeit gutgeschrieben bekommen. Außerdem beteiligt sich das Unternehmen an den Kosten. Dass sich im Lauf der Jahre schon viele Mitarbeiter auf diesem Weg nachqualifiziert haben, erklärt Personalvorstand Michael Prochaska, sei auch strategisch für das Unternehmen von Bedeutung. „Das Wichtigste im Entwicklungs- und Herstellungsprozess ist der Mensch“, so begründet er dies.

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall und die Gewerkschaft IG Metall setzen sich für Qualifizierung gemeinsam ein. 2001 haben die Sozialpartner einen eigenen Tarifvertrag zur Qualifizierung geschlossen und in diesem Jahr erweitert – er nimmt nun An- und Ungelernte noch stärker ins Visier.

Tarifvertrag fördert lebenslanges Lernen

Eine Möglichkeit der Nachqualifizierung, für die es Fördermöglichkeiten gibt, ist die „modulare Teilqualifizierung“ mit Zertifikat: Hier sind anerkannte Facharbeiterberufe in mehrere Lernmodule gegliedert, die in sich abgeschlossen sind und jeweis drei Monate dauern.

Die zweite Möglichkeit ist, berufsbegleitend direkt einen Facharbeiterabschluss nachzuholen. Wie Duratovic. Während der angehende Industriemechaniker am Freischneider-Band über seine Ausbildung erzählt, ist in seinem Unternehmen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles unterwegs: Sie spricht mit Vertretern von Südwestmetall, der IG Metall und der Arbeitsagentur darüber, wie angesichts des demografischen Wandels die Fachkräftesicherung mit Qualifizierung gelingen kann.

Das Modell der hiesigen Metall- und Elektro-Industrie hält Nahles für „vorbildlich“. Sie kennt die Zahlen: „Geringqualifizierte sind achtmal häufiger arbeitslos als Menschen mit Hochschulabschluss und viermal häufiger als Facharbeiter.“

2014 hätten bundesweit erstmals über die Hälfte aller erwerbsfähigen Erwachsenen an einer Weiterbildung teilgenommen – „das ist auch auf das Engagement der Sozialpartner zurückzuführen“. Das Fazit der Arbeitsministerin: „Tarifliche Lösungen sind besser als gesetzliche, weil sie einfach näher dran sind an der Praxis.“


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