Montags baut er Türme aus Bauklötzen

Bei Recaro Aircraft Seating: Die Arbeitszeit frei gestalten


Schwäbisch Hall. Alexander Kuhn prüft mit einem Kollegen ein Kunststoffteil. Es ist die Verkleidung für die Rückenlehne eines Flugzeugsitzes. Wurde die Vorgabe aus den Bauunterlagen optimal umgesetzt? Der 43-Jährige arbeitet bei Recaro Aircraft Seating in der Arbeitsvorbereitung: „Ich plane Fertigungsprozesse, erstelle Programme für CNC-Maschinen. Aber nur an vier Tagen pro Woche.“

Denn montags hat etwas ganz anderes Vorrang. Da kümmert er sich um seinen 15 Monate alten Sohn Valentin. Bei Recaro in Schwäbisch Hall können die Mitarbeiter in Abstimmung mit den Vorgesetzten selbst festlegen, wie viel sie arbeiten wollen.

Kuhn findet, dass dieses Modell auch eine Trendwende in der Gesellschaft markiert: „Früher haben sich insbesondere Männer zum Teil ja gar nicht getraut, Auszeiten zu nehmen.“

Aktuell bieten deutschlandweit 64 Prozent der Unternehmen ihren Belegschaften flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten. Bei dem Weltmarktführer für Flugzeugsitze, der in Schwäbisch Hall rund 850 Mitarbeiter beschäftigt, gibt es das innovative Arbeitszeitmodell seit eineinhalb Jahren.

Die Mitarbeiter können zum Beispiel Überstunden, die sie auf Langzeitkonten angehäuft haben, später in Blöcken von bis zu drei Monaten abbauen – etwa für eine Reise, Weiterbildung oder die Pflege von Angehörigen. Außerdem ist es möglich, die Arbeitszeit für ein oder zwei Jahre auf wöchentlich 40 Stunden zu verlängern oder auf bis zu 25 Stunden zu reduzieren.

Kuhn will ein Jahr lang kürzertreten, „die Hälfte dieser Zeit ist schon vorbei“, erzählt er. „Unser Ziel“, sagt Geschäftsführer Andreas Lindemann, „besteht darin, die Bedürfnisse der Familien unserer Mitarbeiter und die Belange des Unternehmens optimal auszubalancieren.“

Das Familienunternehmen hat so einen Vorteil im Wettbewerb um begehrte Fachkräfte

Das „Modell Recaro“ verschafft nicht nur der Belegschaft Flexibilität, sondern auch dem Unternehmen. Dies sei insbesondere in der Luftfahrtbranche, deren Konjunkturzyklen stark schwanken, sehr wichtig. Die Entwicklungsabteilung beispielsweise stößt an Kapazitätsgrenzen. Da hilft es, wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeit freiwillig aufstocken. Bis zu 50 Prozent der Belegschaft können ihre Wochenstunden erhöhen und damit mehr verdienen – „diese Möglichkeit ist derzeit fast ausgeschöpft“, so Lindemann.

Mehr als ein Drittel der Belegschaft nutzt bereits die Langzeitkonten. Auch die „flexiblen Pausen“ sind beliebt: Während der Rahmenarbeitszeit von 6 bis 20 Uhr kann die Arbeit bis zu drei Mal am Tag unterbrochen werden.

Für Recaro ist das Arbeitszeitmodell vor allem ein Wettbewerbsfaktor. Geschäftsführer Lindemann: „Wir merken in Vorstellungsgesprächen immer wieder, dass diese Möglichkeiten einen deutlichen Vorteil gegenüber anderen Unternehmen darstellen.“ Auf gut ausgebildete Fachkräfte ist das Familienunternehmen angewiesen, denn es will in den nächsten Jahren weiter wachsen.

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