Bearbeitung auf die heiße Art

Bei Putzier treffen 20.000 Grad auf Metall

Leichlingen. Roland Peil wollte die Herausforderung. Der 29-Jährige hat sie bekommen. Statt eines Golfs spendierte ihm sein Chef als neues Arbeitsgerät, wie er es formulierte, den „Ferrari unter den Metallbearbeitungsautomaten“.

Mit der fast raumhohen und rasend schnellen „Ultrasonic“ verpasst Peil frisch beschichteten Metallteilen den letzten Schliff: „Diese Maschine hat es echt in sich“, sagt er. „Ich habe in den nächsten Monaten noch einiges zu lernen. Aber es macht Spaß.“

Der junge Mann ist einer von 50 Mitarbeitern des Oberflächen-Spezialisten Putzier im rheinischen Leichlingen. Und fragt man Geschäftsführer Jens Putzier (49), was denn sein Unternehmen so treibt, dann erklärt er es salopp in nur einem Satz: „Wir machen Airbrush mit Keramikteilchen.“

Es ist eine ganz besonders heiße Form des Airbrushens. Fachleute nennen es thermisches Spritzen: Einem bis zu 20.000 Grad heißen Gasstrahl wird keramisches Pulver beigemischt, das als flüssiges Tröpfchen mit bis zu dreifacher Schallgeschwindigkeit wie ein Pfannkuchen auf Metall trifft. Auf der rauen, kalten Oberfläche zieht er sich zusammen und verkrallt sich dabei in ihr. Bei der entstehenden Haftfestigkeit könnte an der Fläche einer 1-Euro-Münze ein VW Golf sicher baumeln!

Ein hoch spezialisiertes Geschäft – und offensichtlich ein lukratives: Der Umsatz 2013 lag bei 4 Millionen Euro, und die Auftragsbücher sind voll. Zu den Kunden gehören Unternehmen wie Siemens, Bosch und der Maschinenbauer Voith.

Die Auswahl des Spritzmittels ist eine Wissenschaft für sich

Beschichtete Bauteile aus Leichlingen finden Verwendung in der Lebensmittel-, Chemie- und Papier-Industrie sowie bei Kraftwerks- produzenten – und das weltweit. So laufen beispielsweise Joghurt oder Käse in der Fabrik mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Anlagen, in denen beschichtete Bauteile aus Leichlingen stecken.

Bei dieser Veredlung kommt es auf die richtige Auswahl des Spritzmittels an. Neben Kupfer, Silber, Stahl und Bronze sind es auch Hartmetalle wie Wolframcarbit oder keramische Stoffe wie Aluminiumoxid. Das Ziel bestimmt die Auswahl: Schutz vor Abrieb und Korrosion, Haftkraft durch eine bestimmte Rauheit der Oberfläche, elektrische Isolierung. Eine Beschichtung sorgt aber auch dafür, dass die Reibung von Kolben oder Wellen minimiert wird – oder alles dicht ist.

Und für jedes Problem gibt es die passende Rezeptur, hinterlegt in der Steuerung der Spritzautomaten. Mit Angaben zu Gasdruck, -art und -menge, Düsenform oder auch Abstand, Winkel und Geschwindigkeit des Spritzstrahls.

Bei Beschichtungen für Dichtungssysteme gehört der Familienbetrieb sogar zur Weltspitze. Der Firmenchef: „Wir beliefern Maschinenbauer rund um den Globus. Unsere Beschichtungen finden Sie auf allen Kontinenten.“ Und auf den Weltmeeren. Denn viele Kreuzfahrtschiffe haben in der Wasserversorgung Bauteile, die in NRW veredelt wurden.

Damit das so bleibt, „müssen wir Sachen machen, die die Chinesen nicht hinkriegen“, unterstreicht Putzier: „Nur so können wir uns dauerhaft behaupten.“ So wie Tag für Tag Roland Peil, der Mann an der „Ultrasonic“.


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