AKTIV in der Fabrik der Zukunft

Bei Bosch arbeiten Mensch und Roboter schon Seite an Seite

Ansbach. Montagmorgen, Frühschicht im Bosch-Werk im fränkischen Ansbach. Draußen auf dem weitläufigen Parkplatz singen noch die Vögel, aber Produktionsmitarbeiter Manfred Schock ist längst auf Touren. Seit Stunden hievt er handtellergroße elektronische Steuerungselemente für die Auto-Industrie aus einem Prüfgerät, bugsiert sie routiniert auf eine Ablage. Kaum liegen sie da, greift sich sein Kollege die Teile und legt sie ins nächste Bearbeitungszentrum ein. Schock und der Kollege – eingespielt sind die zwei, ein gutes Team, alles fluppt.

Bloß geredet haben sie noch kein Wort. Kein Hallo, kein Small Talk, nichts. Um es klar zu sagen: Eigentlich haben sie noch nie miteinander gesprochen. Und selbst wenn Schock es mal versucht hätte, es wäre eine ziemlich einseitige Unterhaltung geworden. Denn Schocks stummer Kollege ist – ein Roboter. Genauer: ein „Apas“, ein Automatischer Produktionsassistent. Ein Greifarm, kunstlederüberzogen, vollgestopft mit Sensoren und Hightech. Selbst entwickelt vom schwäbischen Bosch-Konzern.

Mit seinem neuen Gegenüber kommt Manfred Schock ganz prima aus. „Der Typ ist in Ordnung, man kann sich auf ihn verlassen“, sagt er, grinsend. „Fleißig isser.“

Die Blechkameraden kommen aus dem Käfig

Für Mitarbeiter Schock mag der blecherne Kollege schon Alltag sein. Tatsächlich aber ist er: eine fertigungstechnische Revolution.

Bislang nämlich galt: Mensch und Roboter, das geht nicht zusammen. Sondern gehört strikt getrennt. Die Menschen stehen am Band, die Roboter malochen im Käfig. Zu groß war die Gefahr schwerer Verletzungen durch eine Kollision mit den ultrastarken Roboterarmen.

Jetzt aber fallen die Schutzzäune! Mensch und Roboter arbeiten erstmals Seite an Seite, Hand in Hand. Ermöglicht wird die sogenannte Mensch-Roboter-Kollaboration durch eine neue Generation von Leichtbaurobotern. Sie sind ausgestattet mit hochsensibler Technik, die Unfälle ausschließt.

„Der Durchbruch der Mensch-Roboter-Kollaboration hat gerade begonnen“, sagt Arturo Baroncelli, Präsident des Branchenverbands International Federation of Robotics. Und die Erwartungen sind schon jetzt riesig. So sollen die Blech-Kameraden ihren menschlichen Kollegen zukünftig nicht nur bei der Arbeit zur Hand gehen. Sondern sogar mithelfen, den Standort Deutschland zu sichern!

Das sind ja mal Vorschusslorbeeren. Und in der Praxis? Martina Hinze läuft über den spiegelblanken Betonboden des Ansbacher Bosch-Werks, bei jedem Schritt quietscht ein Gummibändchen unter ihren Schuhsohlen, es soll die statische Aufladung verhindern. Die hochgewachsene Frau mit dem Kurzhaarschnitt ist Gruppenleiterin in der Fertigungsplanung des Werks.

„Seit Januar haben wir drei Apas hier bei uns in der Produktion“, sagt sie. Die Erfahrungen seien bislang gut, „die Kollegen haben eine kurze Schulung bekommen, jetzt läuft das“. Flexibler sei man in der Fertigung geworden, sagt Hinze. „Seit die Roboter da sind, können wir unsere Mitarbeiter auch mal an anderer Stelle einsetzen, wo sie ihre Erfahrungen einfach besser einbringen können und somit viel wertvoller für uns sind.“ Die neue Flexibilität erleichtere es zudem, besser auf kürzere Produktzyklen und kleinere Losgrößen reagieren zu können.

Außer in Ansbach setzt Bosch seine Apas derzeit in vier weiteren eigenen Werken in Deutschland und Frankreich ein. Darüber hinaus vertrauen bereits vier externe Kunden den Diensten der Leichtbauroboter, darunter auch der Autogigant Volkswagen.

Das dürfte erst der Anfang sein. „Mensch und Maschine werden zukünftig viel enger zusammenarbeiten“, prophezeit Wolfgang Pomrehn, Ingenieur und Leiter des Apas-Projekts bei Bosch. Begründung: „Die Roboter können dem Menschen extrem monotone oder ergonomisch anstrengende Tätigkeiten abnehmen.“ Aufgaben also, für die „der Mensch einfach nicht gemacht ist oder die keiner mehr machen will“. Übersetzt: Die Maschinen sollen den Kollegen aus Fleisch und Blut die Arbeit leichter machen.

Das sieht auch Tim Jeske so. Der Roboter-Experte beim Institut für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf sagt: „Moderne Roboter können beispielsweise schwere Bauteile in die richtige Position für den Schweißprozess halten, der Facharbeiter schweißt sie dann zusammen.“ Nicht unwichtig, gerade mit Blick auf alternde Belegschaften.

Bloß: Immer schlauere Roboter, untereinander vernetzt, die bald ihr Wissen aus der Cloud beziehen und womöglich zukünftig auch noch selbstständig dazulernen … Wer braucht denn da noch Menschen?

Wolfgang Pomrehn, der „Apas-Vater“ bei Bosch, winkt da ab. „Es geht überhaupt nicht darum, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen“, sagt Pomrehn energisch. Hinter ihm auf dem Shop-Floor des Ansbacher Bosch-Werks kurvt ein Elektrokarren vorüber, die ersten Mitarbeiter schlendern schwatzend Richtung Kantine. Pomrehn aber bleibt stehen, deutet auf die Produktionslinien mit ihren bunt blinkenden Kontrolllämpchen, den Touchscreens und zahllosen Knöpfchen, und dann wird er fast poetisch. „Es geht darum, dass man aus den Möglichkeiten, die Mensch und Maschine mitbringen, das Beste rausholt.“ Auf eine unvorhergesehene Situation auf Basis des eigenen Erfahrungsschatzes reagieren und das Problem lösen – das könne nur der Mensch. „Roboter-Intelligenz ist mit der menschlichen nicht zu vergleichen“, bekräftigt Pomrehn, seine Hände unterstreichen dabei jedes Wort. „Die Anforderungen an die Mitarbeiter werden sicher steigen. Aber die menschenleere Fabrik wird es nicht geben!“

Höhere Produktivität für sichere Jobs

Vielleicht passiert sogar das Gegenteil. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group wird in den nächsten zehn Jahren der Einsatz moderner Roboter die Industrie-Produktivität um bis zu 30 Prozent steigern. Für Hochlohnländer wie eben Deutschland heißt das: mehr Wettbewerbsfähigkeit. Und sicherere Jobs.

Zurück bei Manfred Schock im Bosch-Werk. Der steht immer noch Seite an Seite mit dem Apas, gut 800 Werkstücke werden die beiden am Ende ihrer Schicht bearbeitet haben. Dann wird Schock nach Hause gehen. Der Apas aber wird weitermachen, ohne Pause, immer weiter. „Am Anfang war ich fasziniert vom Roboter, mittlerweile hab’ ich mich an ihn gewöhnt“, bekennt Schock.

Nur eines stört ihn dann doch am neuen Kollegen. „Man kann mit dem nicht über Fußball quatschen.“ Mal abwarten, was da noch kommt …


Auch hier werkeln Teams aus Blech und Blut

Mit ihren Hollywood-Verwandten aus „Star Wars“ oder „Terminator“ haben moderne Leichtbauroboter aber auch gar nichts gemeinsam. Dafür gibt es sie wirklich! Die „Mensch-Roboter-Kooperation“ zählt in immer mehr Betrieben zum Arbeitsalltag, wie drei weitere Beispiele zeigen.

BMW: Im US-Werk Spartanburg drücken sie Türdichtungen an. Foto: Roth
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VW: Hier bugsieren sie empfindliche Glühstiftkerzen. Foto: Werk
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Audi: Der Roboter hilft beim Auftragen von Klebenähten. Foto: Werk
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