Karriere ohne Abi

Aus- und Fortbildung: Bei der Firma Wälzholz kommen Hauptschüler groß raus

Plettenberg. Formeln pauken – das ist für die Neuntklässler der Zeppelinschule normalerweise dröge. Doch wenn Marco Luciani in der Hauptschule von Plettenberg beim Matheunterricht auftaucht, wird es richtig spannend.

Luciani ist Ausbildungsleiter bei der Firma C. D. Wälzholz, einem Weltmarktführer für kaltgewalzten Bandstahl. Er erklärt im Klassenraum zum Beispiel, wie man die Drehgeschwindigkeit eines Bohrers ausrechnet. „Dann machen die Schüler große Augen“, berichtet er. Auch dann, wenn er ihnen erzählt, wofür der Stahl alles gut ist: Wälzholz-Produkte stecken in Autos, Flugzeugen, Haushaltsgeräten und sogar in Hundeleinen.

Klar, dass man dafür Fachkräfte braucht. Wälzholz bildet sie aus – und die Schülerinnen und Schüler, vor denen Luciani auftritt, haben da gute Chancen. Von den 17 Azubis im Werk Plettenberg kommen 8 von der Hauptschule. Dass die Industrie eine höhere Qualifikation verlangt als Handwerk und Handel, dass ein Hauptschulabschluss seltener als Eintrittskarte reicht – das ist zwar im Durchschnitt des Landes so, aber nicht bei Wälzholz.

Ist einer richtig gut, stehen ihm viele Wege offen. Wie Marc Rosenkranz, ein Ehemaliger der Zeppelinschule. Er absolvierte bei Wälzholz eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Gleich nach dem Abschluss wurde er Vater – und bekam sofort eine unbefristete Stelle. Das war dem jungen Mann Ansporn, sich „noch mehr ins Zeug zu legen“. Er machte eine Schulung zum Prüfmittelbeauftragten, jetzt lernt er für den Meisterbrief: „Im September bin ich fertig: Dann werde ich selber ausbilden.“

Carolin Weide, Zerspanungsmechanikerin im ersten Lehrjahr, steht noch am Anfang. „Etwas mit Technik wollte ich schon immer lernen“, sagt sie. Von allein wäre die schüchterne 17-Jährige aber nie auf die Idee gekommen, bei Wälzholz anzuklopfen. „Mit meinem Hauptschulzeugnis und dazu einer Vier in Mathe wird man mich gleich ablehnen“, glaubte sie.

„Für unsere Schüler ist so eine Bewerbung wie ein Riesenberg“, sagt dazu ihre Lehrerin Karin Gabriel. „Wir müssen ihnen den Weg bereiten.“ Deshalb arbeitet die Zeppelinschule mit rund 20 Industrieunternehmen aus der Region zusammen – wie eben Wälzholz.

Die jungen Leute von der Hauptschule brauchen manchmal allerdings eine intensivere Betreuung in Betrieb und Berufsschule. So erhält die angehende Fachkraft Carolin Weide derzeit Zusatzunterricht in Mathe.

Wie weit Hauptschüler kommen können, zeigt Marco Luciani. Er war selbst Hauptschüler. Der gelernte Zerspanungsmechaniker machte den Ausbilderschein und übernahm mit der Zeit immer mehr Aufgaben. Heute ist er für über 80 Azubis an den drei deutschen Standorten des Hagener Unternehmens mit weltweit 1.900 Mitarbeitern zuständig.


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