Industrie-Kletterer

Aufstieg garantiert


Schwere Arbeit in luftiger Höhe: ein Job für Spezialisten

Leipzig/Berlin. Der Bohrer frisst sich jaulend in den harten Beton, Schweiß rinnt dem Arbeiter in Strömen übers Gesicht. Abwischen geht nicht: Der kräftige Mann braucht beide Hände, um das schwere Gerät im Griff zu behalten. Hoch über dem Erdboden, mit Seilen gesichert, bohren er und seine Kollegen rund 1.000 Löcher in einen 300 Meter hohen Schornstein. Die Löcher sollen Sprengladungen aufnehmen: Der alte Industrie-Bau wird nicht mehr gebraucht.

Etwa 3.000 Profis bundesweit

„Ein Gerüst wäre hier unpraktikabel gewesen: Alles hätte viel länger gedauert und dem Auftraggeber wesentlich höhere Kosten verursacht“, erklärt Uwe Kästner. Er ist Technischer Leiter der Leipziger Firma Alpin Technik und Ingenieur­service, die für solche Einsätze 80 Spezialisten aufbieten kann.

Offiziell heißen sie sie „Höhenarbeiter“. Nur etwa 3.000 von ihnen gibt es bundesweit, darunter auch einige wenige Frauen.

Höchste Sicherheit ist oberstes Gebot: „Bei der Vorbereitung wird jeder Schritt und jede nur denkbare Schwierigkeit analysiert“, sagt Kästner. Ein unerwartetes Hindernis – oder auch nur ein vergessenes Werkzeug – würde die Sicherheit der Männer aufs Spiel setzen und die Arbeiten verzögern.

 

Bei Alpin Technik, seit zwölf Jahren am Markt, konzipieren daher unterschiedlich spezialisierte Ingenieure jeden Auftrag im Detail. Das Spektrum ist breit: Brücken und Kühltürme werden begutachtet und repariert, Stahlkonstruktionen in großer Höhe montiert und Teile von Bauwerken saniert, die nur per Seil gut zugänglich sind.

Als einer von wenigen Anbietern im Lande ist Alpin oft in der Chemie beschäftigt. An den riesigen Anlagen erledigen die Männer spezielle In­s­pektionen und Reparaturen. Kästner betont: „Wir müssen für jeden Anlagentyp die entsprechenden Zertifizierungen nachweisen.“

Höhenarbeiter bringen eine klassische Ausbildung mit: Ihren Job als Schweißer, Bauarbeiter, Monteur oder Prüfingenieur haben sie ganz normal gelernt. Jetzt verdienen sie besser als ihre Kollegen am Boden – dafür sind sie beim Einsatz auch doppelt gefordert: in ihrem Gewerbe und durch die Arbeit am Seil.

„Das ist physisch und psychisch sehr anstrengend, es fordert Disziplin und Fitness“, weiß Frank Seltenheim. Als Generalsekretär im „Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken“ (Fisat) kennt er die Geschichte der jungen Branche: „Der Beruf kommt aus der DDR, wo aus Mangel an Gerüsten häufig seilunterstützt gearbeitet wurde.“

In Westdeutschland dagegen fehlten Regeln für einen Job, den es 1990 offiziell nicht gab. Heute sind Industrie-Kletterer längst weithin akzeptiert, es existiert ein straffes Regelwerk, wozu nicht zuletzt der Fisat-Verband beigetragen hat. „Die Seilzugangstechnik wird in drei Stufen gelehrt“, erläutert Seltenheim, „jede Stufe dauert etwa eine Woche und endet mit der Prüfung von Theorie und Praxis.“

Neues Berufsbild entsteht

Seltenheims Berliner Firma Seilpartner Windkraft wartet moderne Windmühlen. „Kein Berufsbild trifft da unsere Bedürfnisse“, sagt er, „viele Qualifizierungen führen wir selbst durch.“ Und weil die Rotoren

in luftiger Höhe nicht weniger werden, tüftelt Seltenheim jetzt mit der Handwerkskammer Bernau an einer neuen Ausbildung – zum „Rotorblatt-Servicetechniker“.

Uwe Rempe

www.fisat.de

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